Der Kampf gegen rostige Granaten

Aus zahlreichen Einzelfotos entstanden im Rahmen der Expedition solche hochauflösenden Fotomosaike, die Altmunition am Meeresboden zeigen. Fotografiert wurden sie von den selbstständig arbeitenden Tauch-Robotern "Anton" und "Luise". Foto: AUV-Team / Geomar

Kiel. Auf einer Expedition in die westliche Ostsee haben Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel erneut bisher unbekannte Areale am Meeresboden entdeckt, die mit großen Mengen von Munitionsresten aus dem Zweiten Weltkrieg belastet sind.

Damit wird immer deutlicher, wie groß das Problem mit Altmunition in der Ostsee ist, die insbesondere nach Ende des Zweiten Weltkrieges dort versenkt wurde. Bei einer im Herbst 2020 unter der Leitung vom Geomar durchgeführten Expedition mit dem Forschungsschiff „Alkor“ wurden die munitionsbelasteten Gebiete in der westlichen Ostsee erneut untersucht. Ähnlich wie schon 2018 wurden dabei auch umfangreiche Wasserproben genommen, um die Belastung mit krebserregenden Sprengstoffsubstanzen zu ermitteln. Hierbei kam erstmals ein am Geomar entwickeltes Echtzeit-Analysesystem zum Einsatz.

Darüber hinaus hatte die Fahrt das Ziel, Methoden zur Objekt-Verifizierung mittels autonomer, also eigenständig beweglicher Unterwasserfahrzeuge (AUVs) zu testen. Um große Ansammlungen von Minen und versenkten Munitionskisten sichtbar zu machen, wurden Meeresboden-Fotomosaike von mehreren tausend Quadratmetern Größe generiert. Zudem wurden an Verdachtspunkten gezielt magnetische Messungen durchgeführt. Beides verlief laut Fahrtleiter Professor Dr. Jens Greinert sehr erfolgreich. „Zudem haben wir insbesondere in der Lübecker Bucht erhebliche Mengen an Munition gefunden, die außerhalb bekannter Belastungsflächen liegt. Damit konnten wir erneut nachweisen, dass die auf Seekarten vermerkten Gebiete nicht vollständig sind.“

Aktuell arbeiten verschiedene Teams am Geomar daran, eine Reihe weiterer Projekte anzuschieben, die sich um die Bergung von Munitionsresten aus der Ostsee drehen. Unter anderem geht es um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Bewertung von Räummethoden, die Analyse von Sprengstoffen direkt am Fundort am Meeresboden und die Entwicklung eines besonders Umweltschonenden Systems zur Munitionsräumung im Meer.

Daneben bündelt Geomar im Rahmen des Projekts „Conmar“ aktuell das gesamte Wissen, das zum Thema Munition im Meer in Deutschland verfügbar ist. Das soll es unter anderem ermöglichen, die ökologischen Auswirkungen der aus der Altmunition austretenden Chemikalien in Ost- und Nordsee zu bestimmen.

Nach Ansicht von Professor Greinert hat sich Kiel als Zentrum der deutschen Forschung zu Munition im Meer etabliert und wird so auch von Politik und Behörden wahrgenommen. Daher wird hier im September auch die erste internationale „Kiel Munition Clearance Week“ – also „Kieler Munitions-Beseitigungs-Woche“ – geplant.