Das letzte Bleigießen

Ab Januar übergibt der Verein "Industriemusum Howaldtsche Metallgießerei" das Museum an die Stadt Kiel – für Sönke Petersen ein Anlass, wehmütig zu werden. Foto: kst

Ab Januar übernimmt das Kieler Stadtmuseum die alte Howaldtsche Metallgießerei

Kiel. Wenn sich Sönke Petersen in der alten Howaldtschen Gießerei umsieht, die rußdunklen Wände und abgenutzten, rostigen Werkzeuge betrachtet, wird ihm wehmütig ums Herz. Nachdem die Werft HDW 1980 nach 100 Jahren Betrieb die Gießerei aufgegeben hatte, kämpfte und verhandelte er als Ortsbeiratsvorsitzender jahrelang für den Erhalt des historischen Gebäudes. Später haben er als Vorsitzender und die Mitglieder des Vereins „Industriemuseum Howaldtsche Metallgießerei“ 15 Jahre lang mit viel Herzblut die alte Arbeitsstätte mit Leben gefüllt und kleinen und großen Besuchern erklärt, wie schwer und gesundheitsgefährdend es für die Former und Gießer damals war, an diesem Ort aus Messing, Kupfer oder Bronze Bullaugen, Hebel und ähnliche Kleinteile für große Schiffe zu gießen. Trotz der Abzüge über den Schmelzöfen war die Luft im Raum schwer von Rauch, beim Umgang mit dem mehr als 1000 Grad heißen Metall flogen die Funken so sehr, dass mindestens kleinere Verbrennungen an der Tagesordnung waren.

Wie es ab Januar weitergehen wird, weiß der 79-Jährige nicht so genau. Fest steht: Die alte Gießerei wechselt aus der Obhut des Vereins in die Verantwortlichkeit des Kieler Stadtmuseums. Das will das unter Denkmalschutz stehende Industriegebäude künftig fachlich weiter betreuen und den kulturellen Betrieb dort weiterhin aufrechterhalten. Zurzeit arbeitet bereits die Kunsthistorikerin Eva-Maria Karpf im Auftrag des Kieler Stadtmuseums daran, ein Konzept für die weitere Nutzung der Gießerei zu entwickeln. Allerdings dürften die Kieler Kulturverantwortlichen mit demselben Problem zu kämpfen haben, das letztlich dazu führte, dass der Gießereiverein die Gießerei jetzt abgibt: Nachwuchsmangel.

„Die Gussvorführungen und das Selbergießen der Besucher sind die Säulen dieses Museums“, sagt Sönke Petersen. 2005, als der Verein die alte Gießerei übernahm und mit Fördermitteln sanieren und zu einem Museum mit Toiletten und Verwaltungsräumen umbauen ließ, gab es sie noch: Fachleute wie den inzwischen verstorbenen letzten Betriebsmeister der Gießerei, Heinrich Utecht, den Formermeister Armin Leppert, Dieter Kohtz, Professor für Gießereimechanik an der FH, oder Rudi Schlowinski, der noch in der Gießerei gearbeitet hat. Ehrenamtliche wie sie haben in den vergangenen 15 Jahren den Besuchern gezeigt, wie ein Fachmann mit Formsand eine Gussform erstellt und mit flüssigem Metall ein Bauteil damit erstellt. Doch inzwischen sind alle noch verbliebenen Aktiven mindestens um die 80 Jahre alt. Über all die Jahre hat es nicht funktioniert, jüngere Fachkundige zu finden, die sich dauerhaft ehrenamtlich in die Museumsarbeit einbringen wollen.

Der Vertrag mit der Stadt Kiel war auf 15 Jahre befristet. Sönke Petersen hat zusammengezählt: mit 1350 Vorführungen und Veranstaltungen hat der Verein im Laufe der jahre rund 50.000 Besuchern eine Idee von den Abläufen in der Gießerei vermittelt. Doch eine Verlängerung des Vertrags kam nun vor allem aus Altersgründen nicht mehr infrage. Trotzdem wird der Verein noch da sein, wenn ab 2020 das Kieler Stadtmuseum die Regie übernimmt – als Förderverein. „Wir haben im September dafür unsere Satzung geändert“, sagt Sönke Petersen. Und ein paar Veranstaltungen möchte der Verein möglichst auch weiterhin anbieten: Zwei bis drei Gussvorführungen pro Jahr, die beliebte Kulturveranstaltung zum 1. Mai und das längst zum Kult gewordene „Bleigießen“ an Silvester. Das wird es natürlich auch in diesem Jahr noch einmal geben – als letzte vereinseigene Aktion im Gießereimuseum. Um 10.30 Uhr wird Sönke Petersen am 31. Dezember den symbolischen Schlüssel zur Gießerei an Dr. Doris Tillmann, Leiterin des Stadtmuseums, übergeben. Anschließend können die Besucher mit Zinn Objekte gießen, die Norbert Aust vom Theatermuseum und Marie Kienecker vom Werftparktheater begutachten und dann ihre „Spökenkiekerei“ dazu abgeben werden. Wer möchte, kann zum Materialpreis sein Tierkreiszeichen oder den Kielfisch selbst gießen. Sven Jesse und Gerd Sell begleiten das Ganze wieder mit ihren Arbeiterliedern. kst

Die Teilnahme am letzten Vereins-„Bleigießen“kostet 15 Euro für Erwachsene und 7,50 Euro für Kinder bis 16 Jahre. Wer dabei sein will, kann sich noch bis 15. Dezember unter Tel. 0431/202621 anmelden.