Bühne frei ohne Dach und Text

"nordbretter überall – Gehen, Ordnen, Warten" hat heute Abend Premiere auf dem Plateau im Park im Werftpark. Foto Claudia Felicitas Schmidt

Inklusives Theater „nordbretter“ startet heute open air mit neuer Produktion

Kiel. Wenn sie am heutigen Sonnabend, 12. Juni, um 18.30 Uhr die Open-Air-Bühne auf dem Plateau im Werftpark betreten, liegen rund sechs Monate Probenarbeit hinter den neun Schauspielern und Schauspielerinnen des inklusiven Ensembles „nordbretter | Integratives Theater Kiel“. Heute feiern sie Premiere mit den drei Performances „Gehen“, „Ordnen“ und „Warten“.

Allerdings nicht in der gewohnten Spielstätte im Jungen Theater im Werftpark, sondern draußen auf dem Plateau im Werftpark. Weitere Vorstellungen folgen im Ratsdienergarten und auf dem Lessingplatz – ebenfalls an der frischen Luft. „nordbretter überall“ überschreibt Theaterpädagogin Claudia Felicitas Schmidt das diesjährige Projekt, das die Gruppe seit Dezember gemeinsam erarbeitet, entwickelt und geprobt hat – zunächst online, ab März dann bei gutem Wetter auch draußen. Immer mit Abstand und den jeweils geltenden Hygieneregeln entsprechend. „Die Kultur hat wahnsinnig gelitten unter der Pandemie, Probenarbeit war fast unmöglich, Aufführungen nicht gestattet. Trotzdem war es mir ein großes Anliegen, unser Ensemble zusammenzubringen, gemeinsam etwas zu erarbeiten und es auf die Bühne zu bringen. Deswegen stand über allem ganz groß: Flexibilität“, erklärt Claudia Felicitas Schmidt nicht nur ihre Arbeit, sondern auch damit gleich den Unterschied zu anderen Produktionen des Integrativen Theaters Kiel, das seit 2003 besteht und in wechselnder Besetzung bereits verschiedene Stücke performt hat. Die neue Produktion kommt ohne Text aus. Diesen in Online-Proben zu entwickeln und einzustudieren, wäre zu kompliziert gewesen. So sind drei non-verbale Szenen zu unterschiedlich Themen à jeweils 20 Minuten entstanden, die an drei unterschiedlichen Orten gespielt werden können. Mehr Flexibilität geht nicht. Das Theater kommt zu den Menschen – fast überall hin. Und es wird gebraucht, von denen, die zuschauen und von denen, die spielen.

Jeder darf mitmachen. Mit Vorkenntnissen oder ohne. Mit Behinderungen oder ohne. „Ein bisschen ,behindert’ oder ,besonders’ ist schließlich jeder“. Ich beispielsweise trage eine Brille“, sagt die Theaterpädagogin und lacht. Andere Menschen können vielleicht nicht gut hören, laufen oder sind in einigen Dingen langsamer. Das ist hier aber egal. „Mir ist es wichtig, dass Menschen Menschen sind, dass sie zusammen arbeiten und Theater spielen. Das Ziel ist, dass es egal ist, wer eine Behinderung hat und wer nicht, denn darum geht es nicht“, so Schmidt weiter. Deshalb thematisiert „nordbretter“ Inklusion nicht auf der Bühne, sondern lebt sie bei der gemeinsamen Theaterarbeit. Die in dieser Produktion besonders herausfordernd war, „doch das Ensemble war sehr, sehr diszipliniert. Das war wirklich bewundernswert“, lobt Claudia Felicitas Schmidt ihre Schauspieler und Schauspielerinnen, die sie gemeinsam mit Anika Dier durch die Probenarbeit begleitet hat. Sie haben dokumentiert, protokolliert und organisiert und das zu einem Ganzen zusammengefügt, was die Schauspieler und Schauspielerinnen größtenteils allein und zu Hause entwickelt haben. Erst als die ersten gemeinsamen Proben erlaubt waren, konnten sie schauen, wie alles passt. Dass es passt, davon kann sich das Kieler Publikum heute Abend um 18.30 Uhr im Werftpark überzeugen. Die einzige Herausforderung, die jetzt noch auf alle zukommt: das Wetter. vmn

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, 16. Juni, Ratsdienergarten (Stirnseite des Kleinen Kiels) und am Sonnabend, 19. Juni, Lessingplatz (vor der Lessinghalle), Beginn: jeweils um 18.30 Uhr. Karten gibt es für 5 Euro unter Tel. 0431/901901 oder www.theater-kiel.de