Bühne frei – mit Abstand

Acht Spieler mit und ohne Behinderung spielen „Die ganze Zeit“, das neue Stück von „nordbretter integratives Theater Kiel“. Foto: Christoph Ortmann

Integratives Theater Kiel probte zu Hause

Kiel. Theater trotz Kontaktsperre – dass das funktionieren kann, beweist das Ensemble von „nordbretter“ integratives Theater Kiel. Beide Aufführungen von „Die ganze Zeit“ im Theater im Werftpark sind bereits ausverkauft.

„Am 12. März hatten wir unsere letzte normale Probe, zwei Tage danach war die Kontaktsperre da“, erzählt Raija Ehlers, Regisseurin des Stücks „Die ganze Zeit“. „Es gab für uns dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir hören auf, und das war es dann mit der Produktion für dieses Jahr, oder wir wagen das Experiment und erstellen ein Konzept für kontaktlose Proben.“ Dieser zweite Weg war für acht der ursprünglich zwölf Spieler des Ensembles vorstellbar. Geprobt wurde zu Hause, mithilfe von WhatsApp, Skype, Postkarten, Briefen und Telefonaten wurde Kontakt gehalten und Hausaufgaben verteilt. „Die Spieler hatten viel Verantwortung, haben viel selbst entwickelt“, erzählt Ehlers weiter. „Sie haben sich gefilmt und Fotos machen lassen, und daraus haben wir dann weitere Ideen entwickelt. Das war sehr aufwendig, aber auch sehr spannend.“ Seit Mitte August wurde dann ein Mal pro Woche vor Ort unter Einhaltung aller Kontakt- und Hygieneregeln geprobt. Denn auch im Theater müssen die Schauspieler eineinhalb Meter Abstand zueinander einhalten. „Wir müssen also sehr streng schauen, wer wohin geht.“ Dazu kommt: Es dürfen nur fünf Schauspieler zeitgleich auf der Bühne sein, das Ensemble besteht aber aus acht Personen. Keine leichte Aufgabe, zumal das Material, das die Spieler zu Hause entwickelt haben, jetzt wie ein Reißverschluss zu einem Stück verwoben werden muss.

Doch: Es funktioniert. Entstanden ist die theatrale Collage „Die ganze Zeit“, in der acht Spieler mit und ohne Behinderung in Sprache und in choreografischen Elementen durchaus auch privat erlebte, in die Bühnen-Figur projizierte, fremde und erfundene Emotionen, Wünsche, Befürchtungen und Sehnsüchte thematisieren, ausgehend von Momenten der Gemeinsamkeit und des Alleinseins.

Die Karten für die Premiere am gestrigen 18. September sowie für die Aufführung am Dienstag, 22. September, waren sofort ausverkauft. „Da der Abstand vom Schauspieler zum Publikum drei Meter betragen muss, musste das Publikum entsprechend nach hinten rücken, sodass nur zwölf statt wie normalerweise 90 Zuschauer in den Raum passen“, erklärt die Regisseurin. Doch ein Stop kam für sie nicht infrage. „Inklusive Kulturformen haben nicht Pause, weil Corona ist. Wir müssen andere Formen und Formate entwickeln, um das, was wir erzählen möchten, ausdrücken zu können“, sagt Ehlers. „Wir sind präsent und arbeiten weiter. Auch Menschen mit Behinderung sind in der Lage und haben das Recht, in der Kultur aktiv zu sein.“ Natürlich habe man am Anfang nicht gewusst, ob das Konzept aufgeht, und sei auf immer neue Schwierigkeiten gestoßen. „Aber es gab viele kreative, fantasievolle Umsetzungen, die es in ‚normalen‘ Proben so vielleicht nicht gegeben hätte.“

Träger von nordbretter integratives Theater Kiel sind NANK – Neue Arbeit Neue Kultur Kiel e.V. und die Kulturförderung der Stadt Kiel. Es spielen: Nadine Prager, Gabriele Lüneberg, Regina Lindow, Jonas Raeth, Ylva Walczak, Michael Klatt, Laura Schwörer und Bärbel Storch. Assistenz: Christoph Ortmann. svp