Brieftaubenzucht: Bald ausgestorben oder wieder angesagt?

Foto: Kurt Bouda / Pixabay

Brieftaubenzüchter – gibt’s die noch? Ja, aber in den vergangenen Jahrzehnten sind es deutlich weniger geworden. Trotzdem besuchten Tausende Anfang Januar die internationale Messe in Dortmund. Was macht den Reiz aus? DeineTierwelt wirft einen Blick in einen Taubenschlag in der Hochburg Ruhrgebiet.

Es gab sie schon in der Antike, in den Weltkriegen waren sie an der Front, und in manchen Ländern können sie heutzutage eine Millionensumme kosten: Brieftauben haben in Deutschland zu Boomzeiten mehr als hunderttausend Züchter begeistert.

Die Schar der Anhänger ist zwar kleiner geworden. Wer die Brieftaubenzüchter aber deshalb für eine bedrohte Spezies hält, irrt sich. Es gibt noch immer viele begeisterte Züchter.

Brieftaubenzüchter-

Tradition im Ruhrgebiet

Einer von ihnen ist Marcel Krause aus Kamen. „Man baut zu jedem Tier eine Verbindung auf“, erzählt der 27-Jährige. Er kann sie alle auseinanderhalten – für Laien schwer vorstellbar bei den 120 Vögeln, die sich in seinem Taubenschlag im Ruhrgebiet um die Futterstellen scharen.

Man erkenne sie an Muster und Farbschattierung im Gefieder und an der Kopf- und Körpergröße, schildert Marcel Krause zwischen Gurren, Geflatter und Getöse. „Außerdem wird die Hornhaut auf den Schnäbeln mit dem Alter voluminöser.“ Sein ältestes Tier ist 16 Jahre alt. Die Männchen haben in dem Schlag jeweils eine eigene Box mit Sitzplatz, die Weibchen hocken aufgereiht an der Wand.

Aber wie kommt ein junger Gesamtschullehrer auf Brieftauben, fällt das nicht total aus der Zeit? „Ich habe das über die Familie mit ins Blut bekommen“, sagt Krause. Sein Opa war Bergmann und hatte sich die Vögel angeschafft. In den 1960er-Jahren – den goldenen Taubenzüchterjahren – waren unter damals bundesweit gut hunderttausend Züchtern viele Bergleute.

„Fast alle hatten Tauben. Sie kamen damit zur Ruhe. Wenn man unter Tage gearbeitet hat, war es auch ein bisschen ein Freiheitsgefühl, wenn die Tauben in die Weiten des Himmels geflogen sind“, sagt Elena Finke vom Verband Deutscher Taubenzüchter.

Die Rennpferde des

kleinen Mannes

Vom „Rennpferd des kleinen Mannes“ oder dem „gefiederten Rennpferd“ war früher viel die Rede. Auch heute komme etwa ein Drittel der noch gut 30.000 Züchter aus dem Ruhrpott. Das Hobby sei allerdings zeitaufwendig, betont Finke. Viele Züchter sind inzwischen im hohen Alter. Nachwuchs zu gewinnen, sei nicht einfach.

Krause war schon als Jugendlicher dabei und hat einige Preise abgeräumt. 2020 will er ab Ende April wieder etwa 60 Tauben in die Wettkämpfe schicken.

Alle tragen einen Ring. So sind sie identifizierbar, die Flugzeit wird elektronisch erfasst. Im Winter bekommen sie Körnerfutter: Mais, Erbsen, Hanf, Gerste, Weizen und dazu Mineralien. In der Zuchtphase wird das Futter eiweißhaltiger. Bis Juni füttere er seinen Vögeln dann alles, was auch Leistungssportler zu sich nehmen, sagt Krause. Magnesium, Fette, Kohlenhydrate. Allein fürs Futter gibt er pro Jahr 1000 Euro aus.

Tauben fliegen bis zu

600 Kilometer weit

Der 27-Jährige testet die Tiere auf Trainingsflügen. „Sie prägen sich Fixpunkte ein und finden wieder zurück“, sagt er. Die stärksten wählt er für die Wettbewerbe aus, mit Distanzen von bis zu 600 Kilometern. In speziellen Lkw werden die Tauben zum Startpunkt gebracht, auf ein Signal öffnen sich die Boxen. „Manche schaffen 130 Kilometer pro Stunde. Bei längeren Strecken können sie schneller am Ziel sein als ein Auto.“

In einigen ländlichen Regionen Deutschlands lebe das Hobby wieder stärker auf, meint Krause. International habe das Hobby einen hohen Stellenwert. In Osteuropa – Polen, Rumänien oder Bulgarien – sei die Taubenzucht sehr beliebt.

Wettbewerb oder

Tierquälerei?

Der Tierschutzbund kritisiert indes eine Ausbeutung der Vögel. Es gebe hohe Verlust-raten bei Trainings- und Wettflügen. Manche Tauben sterben, werden verletzt oder entkräftet aufgefunden – nach Verfliegen, Zusammenprall mit Windrädern oder elektrischen Oberleitungen. Es sei von Hunderttausenden betroffenen Vögeln alljährlich auszugehen, die teilweise elendig zugrunde gingen, sagt Artenschutzreferentin Henriette Mackensen.

Taubenzüchter Marcel Krause beobachtet unterdessen, dass die Tauben raus wollen, „die haben eine unendliche Lust zu fliegen.“ Wirke aber eine der Tauben bei Übungsflügen ausgelaugt, bleibe sie daheim und werde aufgepäppelt.

Der Züchter verbringt mehrere Stunden am Tag mit seiner Schar. Für ihn ist klar: „Das Wohl der Taube steht im Vordergrund, der Wettkampf an zweiter Stelle.“