Bits und Bytes in Beton

Aus der Zeit, in der Recheneinheiten im Schrankwandformat den Namen „Großrechner“ trugen und doch weniger Leistung und Speicherplatz hatten als heutige Laptops, stammt diese Rechneranlage, die im Computermuseum zu sehen ist. Foto: Jan Köster

Bunker waren im Krieg die letzten Zufluchtsorte. Wer sie aufsuchen musste, fürchtete um sein Leben. Die Webseite www.bunker-kiel.de geht davon aus, dass es in Kiel mindestens 126 bombensichere Anlagen gab, ihre Reste sind noch heute zu finden. Einige Bunker werden wieder genutzt, teilweise als Orte zum Feiern, für Hobbys oder als spannende Lernorte. In einer kleinen, unregelmäßigen Serie stellt der Kieler Express solche Bunker vor. Heute: das Computermuseum der Fachhochschule Kiel.

Neumühlen-Dietrichsdorf. Der Kabelsalat in den freigelegten Eingeweiden des „Cyber 76“ ist unglaublich. In den 70er-Jahren war das 1,6 Tonnen schwere Gerät mit den Ausmaßen einer altmodischen Schrankwand ein „Supercomputer“ – heute sind selbst einfache Smartphones um ein Vielfaches leistungsfähiger. Der „Cyber 76“ ist das erste Ausstellungsstück, das die Besucher im Eingangsbereich des größten Computermuseums Norddeutschlands zu sehen bekommen. Untergebracht sind die 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche des Museums in dem eigens dafür aufwendig umgebauten Hochbunker im Eichenbergskamp in Kiel-Dietrichsdorf.

Was heute der Campus der Fachhochschule Kiel ist, war zu Kriegszeiten unter anderem mit den Werftanlagen der Howaldtswerke eine militärisch bedeutsame Industrielandschaft, in der zigtausend Menschen arbeiteten. Die meisten wohnten auch in unmittelbarer Nachbarschaft. Für sie war unter anderem der im Jahr 1941 gebaute Hochbunker im Eichenbergskamp eine Zuflucht, wenn alliierte Bomber die Docks und Produktionsanlagen angriffen. Nach dem Krieg wurde der Bunker wie viele andere Hochbunker in Kiel „entfestigt“, also als Bunker unbrauchbar gemacht, indem große Öffnungen in die gut zwei Meter dicken Bunkerwände gesprengt wurden. In Zeiten des Kalten Krieges ließ das damals zuständige Bundesamt in den 80er-Jahren diese Löcher wieder sorgfältig mit Beton verschließen. Der alte Bunker wurde technisch aufgerüstet und war noch bis zum Beginn der 2000er-Jahre offiziell ein „öffentlicher Schutzraum“ für bis zu 1047 Personen.

2006 kaufte das Land den Bunker für die Fachhochschule vom Bund. Gut ein Jahr dauerte der rund 3 Millionen Euro schwere Umbau. Dort, wo der Eingang früher durch eine Druckschleuse mit zwei schweren Stahltüren führte, erleichtert heute ein neu eingebauter Fahrstuhl den Zugang zu allen Ausstellungsebenen. Wer ihn im Erdgeschoss verlässt, geht an der inneren Druckschleusentür vorbei, die dort erhalten geblieben ist. Auf den vier Etagen können die Gäste unter anderem denkmalgeschützte Rechner des Computerpioniers Konrad Zuse entdecken. Zum Beispiel den „Z11“ von 1958, der mit rund 2200 elektrischen Relais ratternd und klickend seine Arbeit machte oder den etwas jüngeren „Z22“, der mit seinen zahlreichen Elektronenröhren das Herz jedes Steampunk-Fans im Sturm erobern dürfte. Besuchergruppen werden mit einem eigens produzierten 3D-Film auf ihren Besuch eingestimmt, und wer seine ersten Computer-Erfahrungen mit einem Heim-PC von IBM, Atari, Amiga oder Commodore gemacht hat, kann mit zahlreichen Exponaten aus dieser Zeit in der obersten Ausstellungsetage ein kleines Wiedersehen feiern. Per Spiele-Station und Emulations-Software, die sich wie einer dieser frühen Homecomputer benimmt, können Besucher „Pacman“, „Donkey Kong“ und Co. dort sogar mit Original-Feeling selbst spielen. Das neueste Exponat ist die „Butterfly-Box“ mit VR-Brille, mit der die Besucher in simulierte Welten wechseln können.

Die Auswahl der Exponate war eine Herkulesaufgabe, an die sich der heutige Museumsleiter Markus Schack gut erinnert. Gemeinsam mit dem Kanzler der FH, Klaus-Michael Heinze, gehörte Markus Schack zu den Hauptinitiatoren, die den alten Bunker zum Computermuseum machen wollten. Das Ziel war es damals, endlich die stark angewachsene Sammlung von „Meilensteinen der Rechentechnik“ des 1981 gegründeten Kieler Privatvereins „Museum für Rechen- und Schreibtechnik“ angemessen unterzubringen. Viele Jahre lang lag die riesige Sammlung in wechselnden provisorischen Lagerräumen herum, nur wenige Stücke konnten in Ausstellungen gezeigt werden. „Auf einer 40 mal 60 Meter großen Fläche in einer Getreidehalle im Ostuferhafen haben wir die Sammlung dann sortiert, bis die Auswahl für das Computermuseum passte. Das hat drei Jahre gedauert“, erzählt Markus Schack. Einige Stücke sind damals an andere Museen abgegeben worden. Die ganz besonderen sind aber in Kiel geblieben. JAN KÖSTER

Eichenbergskamp 8, Kiel. Öffnungszeiten: Sa und So 14-18 Uhr. Führungen an jedem ersten Sonnabend im Monat um 15.15 Uhr. www.computermuseum-kiel.de