Bewahren für die Ewigkeit

Dort, wo die ältesten und wertvollseten Bücher im Regal stehen, ist von den Büchern eigentlich nichts zu sehen: Maßgefertigte Kartons schützen jedes einzelne Buch zusätzlich. Foto: Jan Köster

1000 Jahre Geschichte in der Bibliothek der Kieler Universität

Kiel. Wenn Anja Steinhauer davon spricht, einzelne Blätter oder ein Buch „aufzubewahren“, dann kann es sein, dass sie „für immer“ meint. Die Buchbindermeisterin und studierte Restauratorin ist für die Restaurierung und Erhaltung des Bestandes in der Kieler Universitätsbibliothek zuständig. Der älteste Schatz, den sie mit ihrem Team betreut, ist mehr als 1000 Jahre alt: die Handschrift „De sancta Trinitate“ von Boethius stammt aus dem 9. Jahrhundert. Die jüngsten Werke im Bestand sind gerade erst erschienen. Allein 2019 hat die Unibibliothek mehr als 16.000 neue gedruckte Medien angeschafft. Inzwischen nimmt aber auch der Anteil der elektronischen Medien im Bestand der Bibliothek immer mehr zu.

Je nach Art, Genre und Thema der neu hinzugekommenen Bücher, Blätter, Zeitschriften oder auch Zeitungen entscheiden verschiedene wissenschaftlichen Bibliothekare, ob und wie etwas aufbewahrt werden soll. Bei einem Lehrbuch, das voraussichtlich in ein paar Jahren durch eine neue Auflage ersetzt werden wird, reicht unter Umständen ein Einschlagen in Klebefolie, bei wertvolleren Werken, zum Beispiel aus Schenkungen oder Nachlässen, ist der Aufwand erheblich höher.

Die größten „Feinde“, mit denen es Anja Steinhauer und ihr dreiköpfiges Team zu tun haben, sind saures Papier, Schimmel und Rost. Bei allen Büchern, die geklammert sind, ziehen sie zuerst die Metallklammern und „heften“ die Bücher danach wieder mit Buchbinderzwirn. Bücher, die zum Beispiel direkt nach dem Krieg nur notdürftig in irgendwelchen Kellern gelagert werden konnten, sind unter Umständen schimmelig. Solche Bücher werden in einem Abzug, der freiwerdende Schimmelpilz-Sporen direkt in einen Filter saugt, Seite für Seite trocken und chemiefrei vorsichtig abgebürstet und abgewischt.

Saures Papier gibt es seit etwa 1850, seitdem Papier nicht mehr aus Lumpen, sondern aus Holz hergestellt wird, erklärt Anja Steinhauer. Im Holz enthaltene Stoffe bilden im Laufe der Jahre Säuren, die das Papier irgendwann so hart und unflexibel machen, dass es beim Anfassen zerbröckelt. Solche Bücher lässt die Uni-Bibliothek bei einer Spezialfirma entsäuern.

Die echten Schätze lagern in gesicherten und klimatisierten Räumen und Schränken im Keller der Zentralbibliothek: die Werke mit Erscheinungsdatum vor 1801, Nachlässe ehemaliger Professoren, die zum Teil im Briefwechsel mit historischen Größen wie Schiller oder Klopstock standen, Lehrbücher, die noch komplett in Latein verfasst wurden, die Zepter, die für die Gründung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahr 1665 angefertigt wurden und der Gründungsbestand der Uni-Bibliothek. Dicke, von Mönchen mit Tinte und Feder von Hand geschriebene Bücher, die ursprünglich zur Bibliothek des Bordesholmer Augustiner-Chorherrenstifts gehörten. Bereits 1566 wurde das Stift aufgelöst. Als rund 100 Jahre später die Universität gegründet wurde, verfügte der Gottorfer Herzog Christian Albrecht, dass die neue Uni die damals schon alten Bücher des Augustiner-Chorherrenstifts bekommen sollte.

Längst sind viele der wertvollen alten Werke digitalisiert und auch online verfügbar. Trotzdem ist es weiterhin nötig, die Originale zu erhalten. Erst sie machen die Dateien nachprüfbar authentisch. Außerdem erzählt eine Datei nichts über die Oberfläche des Papiers, das Gewicht des Buches, seinen Geruch, das Material und den Zustand seines Einbands oder das handwerkliche Geschick, mit dem es einmal hergestellt wurde. kst