Aufklärung ist und bleibt wichtig

Das Team der Pro-Familia-Beratungsstelle in Kiel - ohne Abstand, aber noch vor der Corona-Krise. Ganz rechts im Bild: der Leiter der Beratungsstelle Dominik Hohnsbehn. Foto Sabrina Böhm

Kieler „pro familia“-Beratungsstelle existiert seit 50 Jahren

Kiel. Liebe, Sex und Schwangerschaft – das sind die Hauptthemen bei „pro familia“. Seit 50 Jahren hilft die Beratungsstelle in Kiel, mit persönlichen Beratungen oder Projekttagen an Schulen und Kitas die sexuelle Aufklärung voranzubringen. Warum das so wichtig ist und welche Themen in den vergangenen Jahren besonders gefragt waren, erzählt Dominik Hohnsbehn, Leiter der Kieler Beratungsstelle.

Wer „pro familia“ hört, denkt häufig an Beratungen zu Schwangerschaftsabbrüchen. Doch hinter dem bundesweiten Verband mit mehr als 180 Beratungsstellen steckt noch viel mehr. „Ursprünglich wurde ,pro familia’ von Ärzten und Psychologen gegründet, die gegen §218 StGb protestierten. Darin steht bis heute, dass Abtreibungen ohne rechtzeitige Pflichtberatung strafbar sind“, sagt Dominik Hohnsbehn. Der Verband „pro familia“ setzt sich seit seiner Gründung 1952 dafür ein, dass jeder Mensch selbst über seine Sexualität und Familienplanung bestimmen kann. Grundlage dafür ist der §2 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, der besagt, dass jeder Mensch das Recht auf Aufklärung und Information zu Sexualthemen und Verhütung hat.

In Schleswig-Holstein gibt es aktuell 16 Standorte von „pro familia“. Der erste wurde Ende der 60er-Jahre in Flensburg gegründet, 1970 folgte Kiel. Seit den 90ern ist „pro familia“ anerkannte Beratungsstelle und erhält somit Mittel vom Bund, Städten und Kreisen. „Vor allem die Neufassung des Schwangeren- und Familienhilfegesetztes 1995 hat unsere Finanzierung gesichert“, so Hohnsbehn. Somit ist das Angebot für Geringverdiener kostenfrei, für alle anderen wird um eine Spende in Höhe von zwei Prozent des Einkommens gebeten. Schulen zahlen für die Projekttage anteilig einen Kostenbeitrag.

Seit 50 Jahren ist „pro familia“ in Kiel und Umland aktiv. Eine lange Zeit, in der sich auch die Themen in der Beratung und Bildung verändert haben. Während in den 70er-Jahren die Pille für die Frau auf den Markt kam und für Aufklärungsbedarf sorgte, stand in den 80ern die Aufklärung zu AIDS im Fokus. „In Schleswig-Holstein haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten auf das Thema Gewaltprävention fokussiert“, so Hohnsbehn. So wurde zum Beispiel 1995 das Packhaus in Kiel gegründet, eine Facheinrichtung für ambulante Tätertherapie. Der Bereich der sexuellen Bildung, also Projekte in Schulen und Kitas, wurde immer weiter ausgebaut. „Anfang der 2000er war für die Kinder und Jugendlichen das Thema Homosexualität sehr aktuell. Es gab viele Fragen zu Lesben und Schwulen“, so Hohnsbehn, der seit 14 Jahren als Sexualpädagoge arbeitet. In den vergangenen 20 Jahren passierte dann auch gesellschaftlich sehr viel. Nicht zuletzt war es die Ehe für alle, die 2017 gesetzlich geregelt wurde, die dem Thema mehr gesellschaftliche Akzeptanz brachte. „Heute beschäftigen sich die Kids vor allem mit ihrer Geschlechteridentität. Es gibt immer mehr Jugendliche, die sich als Transgender outen und dann Beratung in Anspruch nehmen möchten“, so Hohnsbehn. Ein großes Thema ist aktuell auch die Kostenübernahme für Verhütungsmittel. Seit September 2019 stellt die Stadt Kiel ein Budget zur Verfügung, um Geringverdienern die Kosten für Verhütungsmittel zu erstatten. Anträge dafür können direkt bei „pro familia“ gestellt werden. „Wir fordern aber noch mehr. Verhütung ist ein Menschenrecht und sollte daher für alle kostenfrei sein“, so Hohnsbehn.

Pro Jahr erreicht das 14-köpfige Kieler „pro familia“-Team mehr als 6000 Menschen, Tendenz steigend. Die Beratungen richten sich an Kinder, Jugendliche, Paare, es gibt aber auch Angebote für Migranten und Behinderte. Der Grundsatz lautet: Jeder Mensch hat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Um die Menschen möglichst früh zu erreichen, schult „pro familia“ Fachkräfte und Betreuer in Kitas und Einrichtungen für Behinderte. „Ich wünsche mir noch mehr Schulungen für Multiplikatoren, damit unsere Themen noch mehr Menschen erreichen“, so Hohnsbehn. Positiv sieht er das Engagement der jungen Menschen von „pia – pro familia in action“. Eine Gruppe von Ehrenamtlern, alle zwischen 20 und 30 Jahren alt, die sich einmal monatlich trifft, um Aktionen zu planen und in die Bevölkerung zu bringen.saa

Termine für Beratungen gibt es bei „pro familia“, Bergstraße 5, nach Vereinbarung unter Tel. 0431/86230. www.profamilia.de/kiel