10.000 Jahre auf 100 Quadratmetern

Auch viele kleine Details aus der Entwicklungsgeschichte Flintbeks arbeitet der Künstler in sein Panorama ein. Foto: Jan Köster

Flintbek. Von der Eiszeit bis heute reicht das riesige Wandbild, das der Bordesholmer Künstler Harald Boigs zurzeit auf die Nordseite der Betonflächen unter der Eisenbahnbrücke sprüht. Beauftragt hat ihn der Flintbeker Kultur- und Verschönerungsverein vor rund einem Jahr, den ganzen Winter über hat sich Harald Boigs mit der Geschichte Flintbeks beschäftigt, unter anderem die Chronik des Ortes gelesen, in anderen Literaturquellen und im Internet recherchiert und sich in Flintbek selbst umgesehen.

Fassadengestaltung ist eine seiner Spezialitäten – bei Aufträgen wie diesem geht es ihm immer darum, „dem Ort ein Gesicht zu geben“, wie er sagt, und ihn in seiner Atmosphäre zu erfassen. „Im Fall von Flintbek ist das viel Grün, das Eidertal, das Eingebundensein in die Landschaft“, sagt Harald Boigs. Grün ist auch die Grundfarbe seines mehr als 100 Quadratmeter großen Bildes – außer ganz links außen, an der Seitenwand der Brückendurchfahrt: Da ist noch Eiszeit, ein riesiger Gletscher beherrscht das Bild, erst um die Ecke, unter der Brücke wird es grün. Boigs stellt Ausgrabungsgegenstände aus der Bronzezeit dar, den Karren, der hier um 3500 vor Christus die ältesten bekannten Wagenspuren der Welt hinterließ, eine Turmhügelburg, die erste urkundliche Erwähnung von „Vlintbeke“ im Jahr 1220. Die Flintbeker Kirche hat er noch mit einem transparent angedeuteten Turm gemalt, „denn zu Anfang hatte sie ja noch keinen“, sagt der Künstler. Mit Bahngleisen startet seine Bildgeschichte in die Industrialisierung, bis sie schließlich auf der anderen Seite der Brücke in der Gegenwart ankommt. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, kann wie in einem Wimmelbild immer wieder neue Details entdecken, die jeweils eine der Flintbeker Zeitmarken symbolisieren.

Eigentlich hat sich Harald Boigs im Kunststudium auf Keramik und Bildhauerei spezialisiert. Heute arbeitet er als Gestalttherapeut in Bordesholm, und nach dem Studium kam er zurück auf das, was ihn schon vorher interessiert hatte: Das Arbeiten mit der Spraydose – Fassadengestaltung ist heute sein zweites Standbein. „Und ich arbeite gerne im öffentlichen Raum“, sagt er und fügt hinzu: „Ich mag zum Beispiel auch den Austausch mit den Leuten, und viele Ideen entstehen erst vor Ort am Bild.“ So fiel erst unter der Brücke die Entscheidung, die knapp vor der Wand stehende Straßenlaterne mit ins Bild einzumalen. Von einem Passanten kam die Anregung, den Leuchtenkopf doch als „Sonne“ ins Bild einzubauen.

Eine Weile wird Harald Boigs noch unter der Brücke arbeiten, denn wenn er mit dem Flintbek-Panorama fertig ist, geht es an die andere Seite der Brückendurchfahrt: Der Förderverein des Flintbeker Freibades hat ihn beauftragt, auch die dortige Betonfläche mit einem frischen Großbild zu versehen – dann mit Motiven aus dem Flintbeker Freibad. kst