Wie fühlt sich Alter an? – Ein Selbstversuch

Rüdiger Waßmuth lässt auch die Studentin Wiebe Förster binnen Minuten um Jahrzehnte altern – zumindest körperlich. FOTO: MARIE-KRISTIN KIELHORN

Ein kleines Zwicken hier, ein Knacksen da: Redakteurin Marie-Kristin Kielhorn fühlt sich mit ihren knapp 27 Jahren manchmal so, als hätte sie schon weitaus mehr Jahre auf dem Buckel. Doch wie fühlt sich erst eine wirklich betagte Frau mit 70 oder 80 Jahren? Das konnte sie mit Hilfe des Gerontologischen Testanzugs „GERT“ bei der Pflege SH gGmbH in Kiel-Gaarden am eigenen Körper spüren. Als Rüdiger Waßmuth, Referent für innovative Wohn-, Pflege- und Betreuungsformen und studierter Gerontologe, den großen schwarzen Koffer öffnet, sieht es eher danach aus, als ob wir uns jetzt Knieschoner anziehen und eine Runde Inliner fahren. Doch weit gefehlt. Die „Schoner“ sind mit kleinen Gewichten gespickt und werden mir nach und nach an Waden, Knie, Armen, Oberkörper und Hals angelegt. Zu guter Letzt kommen noch eine Halskrause und eine Skibrille hinzu, die mein Sichtfeld einschränken soll. „Jetzt versuchen Sie aufzustehen“, fordert mich Rüdiger Waßmuth auf und grinst dabei: „aber ohne abzustützen!“ Gesagt, getan. Ich stehe. Zwar mit einem erheblichen Stöhnen beim Aufrichten, aber ich stehe. Die ersten Schritte als „alte Frau“ sind erschreckend. Die Füße schwer, die Knie drücken und mein Oberkörper wird von der 20 Kilogramm schweren Weste derartig nach unten gezogen, dass ich gefühlt zehn Zentimeter kleiner werde. Mühsam gehe ich den Korridor entlang – treppauf ist es noch anstrengender: Meine Beine sind schwer wie Blei und ohne das Treppengeländer hätte ich die zehn Stufen wohl kaum bewältigen können. Ein Glück geht es bergab leichter. Auch das Hinsetzen und Aufstehen ist eine Qual. Ohne genug Schwung und einer Lehne zum Abstützen hätte mein Hintern wohl die Bekanntschaft mit dem Fußboden gemacht. „Verstehen Sie jetzt, dass sich ältere Menschen im Bus oder in der Bahn gerne hinsetzen?“, fragt mich der Experte. Das mache ich. In der Tat. Zum Abschluss werden mir noch verschiedene Brillen aufgesetzt, die mir zeigen sollen, wie Betroffene mit Grünem oder Grauem Star oder einer Makuladegeneration die Welt sehen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Manchmal sehe ich nur einen kleinen mittigen Ausschnitt meines normalen Sichtfelds, manchmal den zentralen Bereich in der Mitte gar nicht und bei einer einseitigen Netzhautablösung nur noch die Hälfte. Rüdiger Waßmuth beruhigt mich: „Die Krankheit schreitet relativ langsam voran und die Einschränkungen kommen nicht von heute auf morgen. Die Betroffenen gewöhnen sich nach und nach daran.“ Ich kann mich noch nicht einmal an das Altsein gewöhnen. Aber das muss ich ja zum Glück jetzt auch noch nicht. Nach knapp 15 Minuten darf ich die schweren Gewichte wieder ablegen und fühle mich wie neu geboren. Eine Erkenntnis bleibt: Von jetzt an werde ich mich bei kleinen Wehwehchen und dem morgendlichem Zwicken nicht mehr beschweren und sie einfach hinnehmen. Das Jammern spare ich mir für später auf. Bis dahin habe ich ja glücklicherweise noch ein wenig Zeit. kie