Was Sie schon immer über Atomkraft wissen wollten

Hans Zorn (re.), einer der Initiatoren der Fukushima-Mahnwache, begrüßt den Referenten Alexan¬der Tetsch, Fotojournalist, der in Heikendorf einen Vortrag zum Thema „100 Jahre Atom¬energie“ hielt. Foto: Schymroch

Heikendorf. Die Fukushima Mahnwache Schönberg veranstaltete im Sportheim Heikendorf einen Informationsabend zum Thema „100 Jahre Atom­energie – Geheimnisse, Halbwahrheiten, schützende Hände“. Hans Zorn, einer der Initiatoren der Fukushima-Mahnwache, begrüßte den Referenten Alexan­der Tetsch. Tetsch sammelte in mehr als zehn Jahren Informationen über hundert Jahre Geschichte der Atomenergie. Dafür recherchierte er in Archiven, wälzte alte Akten und bereiste viele der Schauplätze persönlich. „Was Sie schon immer über Atomkraft wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“, eröffnete er seinen Vortrag.

Bei seinen Recherchen stieß er immer wieder auf überraschende, teils haarsträubende und seiner Meinung nach verschwiegene Informationen rund um das Thema Atomkraft. So berichtete er unter anderem über den ersten Atomreaktor der Welt, der in einem Wald südlich von Berlin steht. Er beschrieb gesetzliche Strahlungsgrenzwer­te, die nach Meinung von Tetsch eine Ungefährlichkeit vortäuschen, aber Strahlentote billigend einrechnen sowie die Rolle der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA), die sich nach seiner Auffassung keinesfalls in der Weise um den Schutz der Bevölkerung vor Strahlung sorgt, wie es immer wieder dargestellt wird.

„Haben Sie schon einmal von den Radium-Girls gehört?“, fragte er. Als Radium Girls wurden Fabrikarbeiterinnen bezeichnet, die sich bei der Arbeit eine Radiumvergiftung zugezogen hatten. Für die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts produzierten Uhren wurden Leuchtziffern benötigt. Diese bestanden aus radiumhaltigen Material und mussten von Hand aufgemalt werden. Die Arbeit der Frauen bestand darin, die Zifferblätter von Uhren mit radioaktiver Leuchtfarbe zu versehen. Dabei nahmen sie gefährliche Dosen Radium auf, weil sie die Pinsel anleckten, um feine Linien ziehen zu können. Viele erkrankten deswegen schwer, einige starben.

Tetsch wusste zu berichten, dass selbst John Wayne, ein großer Held in Wildwestfilmen der 1950er bis 1970er Jahre, möglicherweise ein Opfer von nuklearer Strahlung wurde. Er starb 1979 an Magenkrebs. Als Ursache der Erkrankung wurden die Umstände bei Dreharbeiten zu dem Film „Der Eroberer“ angenommen, die in der Nähe eines Atomwaffentestgebietes stattgefunden hatten. Außer Wayne erkrankten viele andere Crew-Mitglieder

Tetsch schilderte die Arbeit von Otto Hahn, einem deutschen Chemiker, dem 1938 die erste Atomspaltung gelangt. Hahn entwickelte sich jedoch nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki zu einem der schärfsten Kritiker der nuklearen Aufrüstung und wurde einer der einflussreichsten Vorkämpfer für die internationale Entspannungspolitik.

„Haben Sie sich nicht auch schon einmal gefragt, warum heute nicht mehr von Atomenergie sondern stattdessen von Kernenergie gesprochen wird? Man hat Leute befragt, was sie für gefährlicher hielten: Atomenergie oder Kernenergie. Und da die meisten Menschen glaubten, Kernenergie sei weniger gefährlich, verschwand die Bezeichnung Atomenergie nach und nach aus dem Sprachgebrauch“, beendete Tetsch seinen Vortrag. (Sy)