Viel Platz für Fantasie

Einstimmig fiel der Beschluss der Jury, sich für Anne Steinhagen zu entscheiden. FOTO: VMN

Künstler des 17. Gottfried-Brockmann-Preises stellen in der Stadtgalerie aus

Kiel. Am gestrigen Freitag, 17. November, verlieh Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer den mit 5.000 Euro dotierten Gottfried-Brockmann-Preis zur Förderung junger Kieler Künstler in der Stadtgalerie an Anne Steinhagen. Gleichzeitig wurde die gleichnamige Ausstellung eröffnet, in der 14 weitere Wettbewerbsteilnehmer ihre Werke zeigen.

Dass Kunst genauso wie Schönheit freilich im Auge des Betrachters liegt, ist eine Floskel, die der Kunst meistens nicht gerecht wird. Dass Kunst aber auf jeden Fall förderungswürdig und für die Gesellschaft wichtig ist, dem hat sich die Stadt Kiel mit der Schaffung des alle zwei Jahre vergebenen Gottfried-Brockmann-Preises verschrieben. Ausgezeichnet werden damit junge Künstler, die das 35. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und die laut Vergaberichtlinien „für die Zukunft eine aussichtsreiche Entwicklung erwarten lassen“.

Die Besucher der Ausstellung hingegen erwartet eine spannende Reise durch Installationen, Bild- und Klangwelten, vorbei an Skulpturen und Fotos in Räume und Sphären, die viel Platz lassen für die eigene Fantasie und Interpretationen.

Zum ersten Mal hat der Kurator der Ausstellung und Kommissarische Leiter der Stadtgalerie Dr. Peter Kruska das Foyer mit in die Ausstellungsfläche einbezogen. Dort begrüßen zwei leere Öltanks die Ausstellungsbesucher, die die Objektkünstlerin Melina Bigale hier installiert hat. Körperschallwandler im Innern geben vorher aufgenommene Bauchgeräusche wieder, das Volumen der Kolosse nutzt sie als Membrane. Auf diese Art scheinen diese beiden eigentlich nutzlos gewordenen Alltagsgegenstände miteinander zu kommunizieren. Die im Iran geborene Performancekünstlerin Nilofar Rezai zeigt in der vertonten Collage „Fatamorgana“, ein Trugbild des Freiheitsphänomens – eine sehr persönliche Arbeit.

Warten als Inspiration

Ebenso aussagekräftig sind die analogen Fotografien von Felix Gyamfi, dessen Porträts junger Männer allesamt in Ghana entstanden sind. „Warten“ ist der zentrale Begriff, den der junge Fotograf mit ghanaischen Wurzeln in seinen Arbeiten umsetzt. „Das öffentliche Leben in Ghana ist anders als hier in Europa. Die Menschen dort verbringen viel Zeit mit Warten. Auch ich habe dort viel gewartet, das hat mich inspiriert“, erklärt Gyamfi, der 2011 sein Kommunikationsdesignstudium an der Muthesiuskunsthochschule mit dem Bachelorexamen abgeschlossen hat. Mit seiner Raum-Sound-Lichtinstallation lädt Felix Ermacora zum genauen Hinhören ein. In seinem Soundarchiv hat er unendlich viele Alltagsgeräusche gesammelt, die er hier erklingen lässt und den Besucher mitnimmt auf eine Reise, die genau acht Minuten und sechs Sekunden dauert. Hörbare Stationen sind unter anderen Kiel und Lissabon – Endstation ist der Dresdner Hauptbahnhof. Für ihr Keramikkunstwerk „Rot“ forschte Lena Kaapke zwei Jahre lang nach Rezepturen roter Glasuren. Das sichtlich greifbare Ergebnis ist in circa 2000 Keramikzahlen in einer bemerkenswerten Fragilität in der Ausstellung zu bewundern. Preisträgerin Anne Steinhagen ist mit zwei Werken in dieser außergewöhnlichen Ausstellung vertreten: 18 Pflanzen eines Herbariums sind beispielsweise zu sehen, die Steinhagen einzeln, in Folien verpackt oder nur die Folien allein gescannt hat. Diese Scans zeigen nicht nur die Pflanzen an sich, sondern auch die Spuren, die sie hinterlassen haben. Eine Arbeit, die ständig erweitert werden kann und somit in einem ständigen Prozess ist. Eine größere Installationsarbeit zeigt ihre Fähigkeit, unterschiedlichste Materialien und Medien miteinander zu verbinden. Ein Grund für die Jury, der 34-jährigen Künstlerin den Preis zuzusprechen. Weitere Werke werden gezeigt von: Hannah Bohnen, Ying-Chih Chen, Matilde Dumont, Jakob Grebert, Christoph Knitter, Yeongbin Lee, Dennis Paulsen, Sabrina Schuppelius und Miles Sjögren. vmn