Über die Ästhetik des Vergehens

„Vorstellung davon, was passiert, wenn der Mensch weg ist:“ der Fotograf Peter Untermaierhofer in der „sengpiehl | zepfel Galerie“. FOTOS: KAY-CHRISTIAN HEINE

Schönberg-Holm. In der Ausstellung „Lost Places“ der Schönberger „sengpiehl | zepfel Galerie“ widmen sich der Burghausener Fotograf Peter Untermaierhofer und der Satjendorfer Installationskünstler Mathias Wolf noch bis zum 22. Oktober dem Thema Vergänglichkeit und Vergessen.

Während Untermaierhofer die Architektur verlassener Gebäude fotografisch präzise in Szene setzt und so ihre Schönheit im Verfall offenbart, verfolgt Wolf mit seinen Installationen einen sinnbildlichen Ansatz, um sich zur Vergänglichkeit allen Lebens und menschengemachter Orte zu äußern.

Die Installation „Non Ab Re Est“ des Satjendorfer Künstlers Mathias Wolf (hinten rechts) in der Ausstellung „Lost Places“. Foto Kay-Christian Heine

Menschliche Knochen sind ein starkes, mitunter als grausig empfundenes Symbol für Vergänglichkeit. Sie sind das Kernelement Mathias Wolfs Installation „Non Ab Re Est“, was sich frei mit „es gehört dazu“ übersetzen lässt. „Das Werk kann verstörend auf das Publikum wirken“, räumt Wolf deshalb ein. Jedenfalls berühre es emotional und rege die Menschen an, sich mit dem Unausweichlichen zu beschäftigen: dem Tod. In einem Holzrahmen hat Wolf ein menschliches Skelett auf ein filigran aus weißen Fäden gewebtes, die Körperformen nachzeichnendes Netz gebettet.

 

An der Wand zu Füßen des Skeletts steht ein Stuhl mit gekürzten Beinen, davor ein Paar Kinderschuhe. Sie deuten auf einen vollständigen Stuhl zu Häupten des Skeletts an der Wand gegenüber, vor dem, Spitzen nun in Richtung Stuhl, ein Paar Erwachsenenschuhe steht. „Die Schuhe meines Vaters“, sagt Wolf.

Den Kinderschuhen sei sein Sohn mittlerweile entwachsen, fügt er hinzu und erklärt die Symbolik: „Er ist auf dem Weg ins Leben, mein Vater hat diesen Weg bereits vollendet und, wie alle Menschen, ein Netz aus Spuren und Beziehungen hinterlassen.“ Gleichzeitig reale wie symbolische Spuren hinterlassen auch die Galeriebesucher, wenn sie die Installation umrunden: Sie ist auf Sand gebaut. Ihr zur Seite stellt Wolf ein Fadengeflecht im öffentlichen Raum vor der Galerie, das den gesamten Holmer Marktlatz überspannt. Wer sich dadurch an gigantische Spinnennetze erinnert fühlt, liegt richtig: Spinnen zögen an verlassenen Plätzen schnell ihre Fäden und bauten als erste ihre Netze, meint Mathias Wolf. In der Stille der Unberührtheit würden die Netze und Fäden deshalb zu einer Metapher für verlorene Orte.

Peter Untermaierhofers Fotografien indes zeigen die Vergänglichkeit konkret: Sein Sujet sind aufgegebene, zerfallende Gebäude, menschengemachte Räume also, die ihre Funktion verloren haben. Es sind Jahrzehnte bis Jahrhunderte alte Ruinen von Villen, Krankenhäusern, Industriegebäuden und Kirchen, die er mit der Kamera erforscht. „Mich fasziniert der Gegensatz zwischen einstmaligem Prunk der Architektur und ihrer Schönheit im Verfall, wenn Zeit und Natur sich diese Räume langsam zurückerobern, aber noch Spuren der Bewohner sichtbar sind“, sagt Untermaierhofer. Seine technisch aufwendigen, hochauflösenden Fotos zeigen etwa Farne im Innern des Kraftwerkshauses einer ehemaligen Papierfabrik, einen wie eben erst stehengelassenen Rollstuhl in einer längst verlassenen italienischen Psychiatrie, bröckelnde Stuckdecken, Wandmalereien und fein gearbeitete schmiedeeiserne Geländer in verfallenden Adelshäusern oder verlassene Kirchen.

Mithilfe des Lichts und einer klugen Wahl des Bildausschnitts schafft Untermaierhofer Bilder, in denen er die Zukunftslosigkeit der Gebäude auf beklemmende Weise verdichtet und eine nachdenklich stimmende Frage aufwirft: Wie lange trüge die Welt wohl noch seine Spuren, wenn der Mensch sie verließe?

„Lost Places“, noch bis 22. Oktober in der „sengpiehl | zepfel Galerie“ (Holmer Marktplatz, Kapellenweg 37, 24217 Schönberg-Holm), geöffnet Di., Sbd. und So. von 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung. Informationen telefonisch unter 0171-1546997 und im Netz auf rositasengpiehl.de, untermaierhofer.de und mathias-wolf.de