Ruhe soll einkehren – Rüdiger Wiese arbeitet als Streetworker in Preetz

"Wir können die Jugendlichen nicht aus Preetz verbannen, sie gehört zum Stadtbild", sagt Streetworker Rüdiger Wiese. Er wünscht sich eine Rückkehr zu mehr Respekt im Umgang miteinander.

Preetz. Zwei Jugendliche hatten Anfang April Steine auf die Preetzer Polizeiwache und Polizeibeamte geworfen – als dieser Vorfall wieder und wieder und auch bundesweit durch die Medien ging, war Rüdiger Wiese gerade in Urlaub.

„Ohne Frage müssen die Steinewerfer für das, was sie getan haben, bestraft werden, das ist ein absolutes No-Go“, sagt der Streetworker. Aber statt Riesenberichten auf Titelseiten hätte er sich lieber eine angemessenere Berichterstattung gewünscht. „Mich haben Leute angerufen: Kann ich überhaupt noch durch Preetz gehen, wie gefährlich ist es bei euch?“

Klar könne man das, denn wenn zwei Leute Steine werfen, seien nicht gleich alle Jugendlichen schlecht, und dieser Eindruck sei leider entstanden.

Wiese weiß, wovon er spricht, seit 14 Jahren arbeitet er als Streetworker in Preetz. Etwa fünf Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren seien es, also nur eine Handvoll, die Probleme machen, „die resistent sind gegen alle Hilfsangebote und die Mist bauen“, so Wiese, „daneben haben wir Jugendliche, die Probleme mit Alkohol und anderen Drogen haben, die aber gut händelbar sind.“ Das alles sei kein preetzspezifisches Problem, so etwas gebe es in jeder Kleinstadt, in jedem Dorf. „Woanders wird das nicht so hoch gehängt“, vermutet Wiese.

Allen Vorurteilen zum Trotz kommen die betroffenen Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen Elternhäusern, aus jeder Schicht. „Ein Problem unserer Gesellschaft ist, dass Erziehung nicht mehr stattfindet, der Umgang miteinander ist von Respektlosigkeit geprägt. Die Freizeitgestaltung hat sich total verändert, die Eltern haben keinen Zugriff mehr auf ihre Kids. Beide müssen berufstätig sein, um über die Runden zu kommen, es gibt keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, keinen Austausch, kein gesundes Miteinander. Wenn es dann in der Schule nicht läuft, schieben die Kinder Frust, den sie auf der Straße rauslassen“, beschreibt Wiese seine Beobachtungen. Der Markt in Preetz sei zentraler Treffpunkt für kleine Gruppen, dort kaufen die Jugendlichen Getränke, ziehen weiter und feiern. „In der Regel zeigen sie sich einsichtig, wenn sich Geschäftsleute oder Anwohner über die Lautstärke beschweren“, betont Wiese.

Bedauerlich sei, dass die Jugendlichen das Angebot, das Haus am Sandberg, den Anlaufpunkt für junge Leute, ab Anfang Februar dieses Jahres an drei Abenden in der Woche als Rückzugsort zum Chillen oder Billardspielen zu nutzen, nicht angenommen haben. „Etwa 15 Leute hatten sich eine Hausordnung gemacht. Bisher ist hier nicht einer aufgetaucht.“ Wiese vermutet, dass das mit der Auflage des „kontrollierten Trinkens“ zusammenhänge. Wichtig sei, dass jetzt Ruhe einkehre, dass man wieder zu einem normalen Umgang miteinander finde. „Das ist auch der Wunsch der Jugendlichen“, sagt der Streetworker. kib