Medikamentenmissbrauch – Rezeptfrei in die stille Sucht

In der Fachklinik Freudenholm-Ruhleben in Plön erhalten alkohol- und medikamentenabhngige Menschen Hilfe auf dem Weg in ein suchtmittelfreies Leben. FOTO: PIXABAY

Plön. Medikamente können Krankheiten heilen, aber auch abhängig machen. Eine Medikamentenabhängigkeit wird oft als „stille“ Sucht bezeichnet: Tabletten schlucken, das geht schnell und unauffällig und verursacht keine „Fahne“. In der Fachklinik Freudenholm-Ruhleben erhalten alkohol- und medikamentenabhängige Menschen Hilfe auf dem Weg in ein suchtmittelfreies Leben. Nicht nur von Ärzten verschriebene Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel können ein hohes Suchtpotential haben – elf der 20 meistverkauften Medikamente in Apotheken haben ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential. Frei verkäuflich Zwei Drittel der Medikamentenabhängigen seien Frauen, so Dr. Clemens Veltrup, Leitender Therapeut der Fachklinik am Lanker See. Vor allem im zweiten Lebensabschnitt werden Frauen vor dem Hintergrund klarer Krisen, wie Überforderung, hormoneller Umstellung oder familiärer Probleme, Benzodiazepine verschrieben. „Diese werden dann viel zu lang genommen, haben eine schnelle Toleranzentwicklung und es wird nicht daran gedacht, sie auszuschleichen“, sagt Veltrup. „Auch Pflegebedürftige in Heimen bekommen häufig Schlaf- und Beruhigungsmittel mit schwerwiegenden Nebenwirkungen. Die muskelentspannende Wirkung erhöht die Gefahr von Stürzen und Knochenbrüchen.“

Dr. Clemens Veltrup, Leitender
Therapeut der Fachklinik am Lanker
See. FOTO: HPO

Der schädliche Gebrauch von Medikamenten scheint dadurch legitimiert, dass es sich um Mittel handelt, die in der Apotheke frei verkäuflich sind oder vom Arzt verschrieben werden. Ibuprofen erhöht das Herzinfarktrisiko und führt hochdosiert zu Magenbluten, Paracetamol führt bei Missbrauch zu schweren Leberschäden und Voltaren (Diclofenac) zu Nierenversagen. Im Jahre 2014 wurde in Deutschland mit rezeptfreien Beruhigungs- und Schlafmitteln ein Jahresumsatz von 203 Millionen Euro gemacht, rezeptfreie Schmerzmittel gingen für 970 Millionen Euro über den Tresen. „Das ist ein riesiger Markt, für den im Werbefernsehen auch noch geworben wird“, kritisiert Veltrup. Mittel gegen Schlaflosigkeit wie Schlafsterne und Hoggar Night nähmen die Menschen viel zu lange und unkontrolliert ein, sie führen zu Konzentrationsstörungen und Appetitlosigkeit und sind in Verbindung mit Alkohol unkalkulierbar. Symptom einer Medikamentenabhängigkeit kann verwaschene Sprache ohne Alkoholfahne sein. Konsumenten sollten selbstkritisch hinterfragen, ob sie typische Zeichen einer Arzneimittelabhängigkeit mit Wirkverlust, Dosissteigerung, Vorratsbeschaffung und körperlichen Entzugssymptomen zeigen. „Es geht um Techniken der Schmerzbewältigung und die Förderung der Eigeninitiative des Patienten“, erklärt Dr. Clemens Veltrup die Therapie in Freudenholm. Werden Beruhigungsmittel wegen eines Traumas oder Ängsten eingenommen, dann ist eine Psychotherapie sinnvoll. Bei Schlafstörungen muss die Schlafhygiene geändert werden. „Wichtig ist zu lernen, dass man nicht das Opfer von Schmerzen oder schlechtem Schlaf ist“, sagt Veltrup, „jeder kann aktiv etwas dagegen machen.“hop