Legasthenie betrifft nicht nur Kinder

Katja Siebke (li.) und Andrea Meier-Behling vom Verein „Lesen - Schreiben - Rechnen“ unterstützen nicht nur Schüler, sondern auch Erwachsene. FOTO: GÖD

Kiel. Das Thema „Legasthenie bei Erwachsenen“ ist immer mehr ins Blickfeld gerückt, hat der Verein „Lesen – Schreiben – Rechnen“ festgestellt, der 25 Jahre alt wird.

Legasthenie ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), die wohl darauf beruht, dass bestimmte Wahrnehmungen im Gehirn nicht entsprechend verarbeitet werden – und das unabhängig von der Intelligenz. Auch wenn durch Übung oder Reifung viele Legastheniker Fortschritte machen und Strategien entwickeln, so bleibt in der Regel trotzdem im Erwachsenenalter eine Unsicherheit auf diesem Gebiet bestehen. „Gerade bei Stress wirkt sich die Schwäche aus“, erklärt Andrea Meier-Behling, zuständig im Verein für die Erwachsenendiagnostik.

Das kann Peter Mohn (Name von der Redaktion geändert), der als pädagogische Fachkraft arbeitet, bestätigen. Vor nicht langer Zeit hat er an der Fachhochschule Kiel ein Studium begonnen. „Ich brauche relativ lange, um Texte zu lesen und zu schreiben“, erzählt er. „Bei der ersten Klausur merkte ich, dass ich die Anforderungen in der vorgesehenen Zeit nicht schaffen würde, fing an zu schwitzen und kollabierte.“ Als Kind wurde er damals nicht auf LRS getestet. Für Hausarbeiten, Briefe und andere Schriftstücke nutzt Mohn ein Korrekturprogramm. Wenn er während seines Jobs etwas schreiben muss, nimmt er den Text auf einem Stick mit nach Hause und bearbeitet ihn in Ruhe. „Ich spiele ein Leben lang Verstecken“, gesteht der Legastheniker. Vom Verhalten eines seiner Dozenten war er sehr beeindruckt: „Studentinnen lachten, als er Worte falsch an die Tafel schrieb und machten ihn auf seine Fehler aufmerksam. Er erklärte: `Ich bin Legastheniker.`“ Bis Mohn seine Schwäche öffentlich eingestehen kann, braucht er seiner Einschätzung nach noch Zeit. Doch einen Schritt ist er schon gegangen. Er hat beim Verein einen Test gemacht, der ihm die LRS bescheinigte. Seitdem darf er Klausuren eine Stunde länger gemeinsam mit anderen Betroffenen in einem Extra-Raum schreiben, in dem er mehr Ruhe hat.

Meier-Behling informiert: „Auch die Uni Kiel, die IHK und andere Ausbildungseinrichtungen gewähren Nachteilsausgleich, wenn Gutachten vorliegen.“ Sie rät Betroffenen, sich an die zuständigen Stellen der Institutionen zu wenden, die oft im Behindertenbereich angesiedelt sind. „Wenn die Leistung durch LRS geschmälert ist, geht das oft zu Lasten des Selbstbewusstseins“, sagt Katja Siebke, eine der beiden Geschäftsführerinnen von „Lesen – Schreiben – Rechnen“. Die rund 30 Mitarbeiter betreuen Kinder mit Teilleistungsschwächen an Kieler Schulen, in den eigenen Räumen und in den Familien. Das Team bereitet momentan den Tag der offenen Tür vor, der anlässlich des Jubiläums für den 7. Oktober von 14 bis 17 Uhr geplant ist. Weitere Informationen unter www.bvl-legasthenie.de göd

Lesen-Schreiben-Rechnen, Fockstraße 3, Kiel, Tel. 0431/677876, www.lesen-schreiben-rechnen.de