Im perfekten Ungleichgewicht

„Die Malerei ist meine Art, mich frei zu äußern:“ Der Maler Eberhard Oertel vorige Woche in der Bürgergalerie der Hans-Henseleit-Stiftung am Kieler Lorentzendamm. FOTOS KAY-CHRISTIAN HEINE

Hans-Henseleit-Stiftung zeigt Ausstellung zum 80. Geburtstag des Malers Eberhard Oertel

Kiel. Seit 60 Jahren stellt der Maler Eberhard Oertel seine Werke aus und gilt landesweit als Künstler von Rang. Beinahe ebenso lang wendet er sich als Künstler gegen Missstände in der Welt und malt sie sich von der Seele. Kürzlich ist der seit 1965 in Kiel lebende und arbeitende Maler 80 Jahre alt geworden. Die Hans-Henseleit-Stiftung der Förde Sparkasse gratuliert ihm noch bis zum 24. Januar kommenden Jahres mit einer Sonderausstellung in der Bürgergalerie des Finanzzentrums am Kieler Lorentzendamm.

Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Hans-Henseleit-Stiftung noch bis 24. Januar Werke des Malers Eberhard Oertel.

„Abends, wenn meine Eltern ausgingen, habe ich oft heimlich im Atelier meines Vaters gemalt“, erzählt der 1937 in Magdeburg geborene Eberhard Oertel verschmitzt. Eigentlich durfte er das nicht und er habe manchmal Schimpfe deswegen kassiert, erinnert er sich. In Wahrheit aber habe sein Vater, ein Kunstlehrer, es gar nicht erwarten können, am Morgen die Malversuche seines Sohnes zu sehen. „Dann gab es verschärfte Kritik“, erzählt Oertel lächelnd. Etwa, dass er Grün niemals ohne Komplementärkontrast verwenden solle und gefälligst die Pinsel auszuwaschen habe. „Die haben damals 40 Mark das Stück gekostet“, weiß Oertel. Damals, das war im Goslar der frühen 1950er-Jahre, wo Eberhard Oertel mit seiner Familie lebte und zur Schule ging.

 

Ganz nach dem Vorbild des Vaters ist auch Eberhard Oertel Kunstlehrer geworden und hat nie aufgehört, selbst zu malen. Schon bald entdeckte er die handwerkliche Präzision für sich: Maschinen, optische oder medizinische Geräte malte er mit fotografischer Genauigkeit. In seinem jüngeren Werk verabschiedet Oertel sich vom Gegenständlichen. Charakteristisch für sein Werk sind jetzt räumliche Grafik, konstruktivistische Geometrie und lebendige Farbigkeit.

Um von ihnen beeindruckt zu sein, muss der Betrachtende nicht um das inhaltliche Anliegen Oertels wissen; die Bilder stehen mit ihrer klaren Bildsprache und hohen Qualität in der Ausführung für sich allein. Um Eberhard Oertels Botschaften auf den Grund zu gehen, bedarf es eines genaueren Hinsehens: Er wendet sich gegen die Gefährdung der Natur, gesellschaftliche Missstände und Bedrohungen, die den Menschen aus ihrem eigenen Verhalten heraus drohen. Erkennbar wird dies an subtilen grafischen Brüchen und feinen kompositorischen Ungleichgewichten, mit denen der Maler leise Denkanstöße liefern, keinesfalls aber „den Zeigefinger heben oder moralisieren“ möchte. Oertel: „Ich dränge niemanden in eine Denkrichtung; jeder darf in den Bildern sehen, was er möchte“.

Ob die Entsorgung von Atommüll, Folter im irakischen US-Militärgefängnis Abu Ghuraib, die Ostsee-Funde verklappter Weltkriegsmunition oder der Brandanschlag von Solingen 1993: Solche „Wahrheiten“ verarbeitet Eberhard Oertel bis heute in seinen Bildern. „Malen ist eben das, was ich kann“, sagt Oertel. Viele seiner Bilder finden sich deshalb in öffentlichen Gebäuden, Sammlungen und Galerien. Bewundert möchte er dafür nicht werden. Eberhard Oertel ist bescheiden geblieben. Er ist ein stiller Maler, der lieber seine Bilder sprechen lässt.

kch

Eberhard Oertel zeigt seine Werke noch bis 24. Januar 2018 während der Öffnungszeiten der Förde Sparkasse in der Bürgergalerie der Hans-Henseleit-Stiftung, Finanzzentrum am Lorentzendamm 28-30, Kiel. In der Reihe „Ars Borrealis“ der Stiftung ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen. Informationen unter www.sparkassenstiftung-sh.de