Im Gespräch mit Paula Lambert

FOTO: RANDOM HOUSE/HADLEY HUDSON

Kiel. „Selbstliebe ist der Funken in uns, der uns jeden Tag sagen sollte, dass wir schon in Ordnung sind, wie wir sind, dass unsere Körper okay sind und wir uns nicht bis zum Zerbrechen verbiegen sollten, damit wir das Gefühl haben, liebenswert zu sein. Eine große Mehrheit der Frauen ist mit ihrem Körper unzufrieden: Im Schnitt haben Frauen 13 negative Gedanken pro Tag in Bezug auf ihren Körper und 97 Prozent von ihnen geben an, ihren Körper zu hassen. Auch Paula Lambert gehörte dazu.

Doch das Leben hat ihr gezeigt, dass das Unsinn ist – und unsere größte Tugend unsere Selbstliebe sein sollte. In „Finde dich gut, sonst findet dich keiner“ erzählt Paula Lambert ihre Geschichte von der totalen Ablehnung ihres Körpers hin zur bedingungslosen Selbstliebe und schreibt ein Plädoyer für all diejenigen, die mit ihrem Aussehen, ihrer Figur, aber auch mit ihrer Persönlichkeit hadern: Erst wenn wir uns selbst lieben und so akzeptieren wie wir sind, können wir glücklich werden und glückliche Beziehungen führen, so ihre Botschaft. Am Sonntag, 5. November ist sie ab 20 Uhr im Kulturforum in Kiel zu sehen.

Paula Lambert, geboren 1974, hat an der Axel Springer Journalistenschule in Berlin ihr Handwerk gelernt. Sie war Redakteurin bei „Die Welt“ und arbeitet heute als freie Autorin u.a. für Geo, Die Zeit, mare und Emotion. 1999 wurde sie mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet.

Eine Zahl vorweg, die mich ziemlich erschreckt hat: Sie schreiben, dass 97 Prozent aller Frauen unzufrieden mit ihrem Körper sind. Haben Sie deshalb Ihr Buch geschrieben?

Ich habe es vor allem deshalb geschrieben, weil mir klar war, dass ich mit meinen Zweifeln einen Großteil der weiblichen Bevölkerung repräsentiere. Wobei Selbstzweifel dieser Art, wie ich sie erlebe, ja auch vermehrt Männer betreffen. Mein Leidensdruck war irgendwann so groß, dass ich beschlossen habe, so kann es nicht weitergehen.

Wo, wann und vor allem wieso haben Frauen gelernt, sich selbst so scheußlich zu finden?

Ich weiß es nicht. Es muss Jahrhunderte her sein. Aber ind en letzten Jahrzehnten ist es wirklich massiv geworden. Wir werden bewertet und bewerten uns selbst, und zwar den ganzen Tag lang. Da muss man ja verrückt werden! Dabei macht es keinen Unterschied, ob ich dick oder dünn bin, volles oder schütteres Haar habe, das macht mich ja nicht als Menschen aus. Aber das auch zu fühlen ist viel schwerer, als es zu verstehen. Ich hatte nach Erscheinen des Buches einen krassen Rückfall, von dem ich auch am Sonntag erzählen werde.

Sie haben mithilfe einer Therapeutin zu Selbstliebe gefunden. Was gab dazu den Ausschlag, diesen Schritt zu gehen und was löste den Wendepunkt dann aus?

Ich habe mich einfach nicht mehr ausgehalten. Und ich wusste, dass ich etwas ändern muss, sonst werde ich noch depressiver. Mein Krankheitsbild zeigt sich in einer Essstörung, die sehr viele Menschen haben, das so genannte emotionale Essen. Das Essen ist aber nur das Symptom, darunter liegen massive Selbstzweifel, Versagensängste und so weiter. Mir war wichtig, dass wir offen darüber sprechen lernen.

Sie schreiben, sich selbst zu mögen sei in unserer Gesellschaft ein rebellischer Akt. Was meinen Sie damit? Wogegen rebelliert jemand, der oder die sich selbst gut findet?

Die gesamte Werbeindustrie lebt, weil wir uns einreden, wie müssen besser, schneller, schlanker, schöner werden. Das ist auch ok, es ist schon hilfreich, nach etwas zu streben. Was da aber fehlt, ist ein entschiedenes „Du bist schon in Ordnung, entspann dich mal.“

Seit „Sex an the City“ scheinen Frauen selbstbewusster und offener geworden zu sein. Doch es scheint immer noch unheimlich viel Nachholbedarf in Bezug auf die weibliche Sexualität zu geben, Stichwort und eine weitere Zahl, die mich ziemlich schockiert hat: nur 15 Prozent (!) der Frauen erleben beim Sex immer einen Orgasmus. Was ist da schiefgelaufen? (Und Liegt das am Ende alles an fehlender Selbstliebe?)

Also, die Zahlen schwanken so zwischen 15 und 30 Prozent. Mein Eindruck ist, dass Frauen ihre Sexualität immer noch nicht ernst genug nehmen. „Hauptsache, er hat seinen Spaß“ – das höre ich immer wieder, auch heute noch. Beim Sex, das zeigt auch die #metoo-Geschichte, geht es vor allem darum, dass wir alle gemeinsam eine Kommunikationseben finden, auf der klar wird, dass es in der Wertigkeit keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben darf. Das fehlt mir aber sehr. Die Debatte dreht sich wieder um Wir gegen die, das ist der falsche Ansatz. Und ja, der weibliche Orgasmus ist ein bisschen kniffliger herauszulocken, aber er ist gleich wichtig. Die fehlende Selbstliebe findet sich hier dann eher in der Resignation.

Sind zu Ihrer Lesung auch Männer eingeladen? Und welche Botschaft haben Sie für diese?

Natürlich, Männer sind unbedingt eingeladen, wenn es sie betrifft! Ich erlebe es allerdings oft, dass mitgebrachte Männer die Arme verschränken und sagen, Was geht mich das an, ich habe diese Probleme nicht. Vielleicht nicht. In dem Fall sollen sie zu Hause bleiben. Das Buch ist natürlich auch aus Frauensicht geschrieben, ich bin ja eine, aber wer sich angesprochen fühlt, der möge kommen. Überhaupt fände ich es schöner, wenn wir den Abend eher als Plauderrunde gestalten, denn als reine Lesung. Das macht viel mehr Spaß!

Was möchten Sie Ihren Zuhörerinnen am 5. November mitgeben? Was soll bei ihnen nach diesem Abend anders sein als vorher?

Ich wünsche mir, dass jeder, der dort war, nach Hause geht und etwas Gutes über sich begriffen hat. Es bringt nämlich nichts, sich selber fertig zu machen, das tut schon das Leben für einen!

Sonntag, 5. November, 20 Uhr, Kulturforum, Andreas-Gayk-Str. 31, Kiel. Abendkasse: 20 Euro.