Im Auftrag der Opfer – Kieler Anti-Gewalt-Angebot KAST hilft auch Angehörigen der rechten Szene

Das Team vom Kieler Antigewalt- und Sozialtraining um die Pädagogen Nils Stühmer (links) und Jan Hauke Hahn (rechts) bietet auch eine Ausstiegsbegleitung für Menschen an, die sich in rechtsextremistischen Strukturen bewegen.

Kiel. Das Team der Kieler Antigewalt- und Sozialtraining GbR, kurz KAST, deckt gemeinsam viele Kompetenzen ab. Neben Pädagogen arbeiten zertifizierte Deeskalationstrainer, Anti-Gewalt-Trainer und staatlich anerkannte Erzieher in der Institution. Auf Gerichtsanweisung nehmen sie sich im Rahmen von sozialpädagogischen Trainings straffällig gewordener Jugendlicher an. Bei etwa 20 Treffen werden Ziele, wie unter anderem die Entwicklung von Opfer-empathie und die Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln, ins Visier genommen. Das Opfer steht dabei im Mittelpunkt. Doch das Team arbeitet nicht ausschließlich auf Weisungen der Justiz, sondern bietet seine Trainingsangebote zur Gewaltvermeidung, zum Gewaltabbau und zur Stärkung sozialer Kompetenzen für jegliche Interessenten an und hat nun mit der „Mobilen Ausstiegs- und Distanzierungsberatung“ ein neues Angebot geschaffen.

Bei den verordneten Trainings trafen die Mitarbeiter vereinzelt auf Menschen, die sich im rechtsextremen Milieu bewegten. „Darunter war jemand, der uns sagte, dass er das Training zwar gut aufnehme, doch Zuhause die Clique wieder auf ihn wartet. Da kam uns die Idee, ein Angebot für potenzielle Aussteiger aus rechtsextremistischen Strukturen zu schaffen“, erzählt Pädagoge Nils Stühmer. Der Aussteiger steht nämlich, wenn er die Gruppe verlässt, vor einem großen Nichts, denn alle Kontakte in die „normale“ Gesellschaft wurden zuvor abgebrochen. An dieser Stelle setzen die Pädagogen an und leisten Beziehungsarbeit. Nils Stühmer und sein Kollege Jan Hauke Hahn mögen daher den Begriff „Ausstiegsberatung“ nicht so gern. „Es ist vielmehr eine Ausstiegsbegleitung“, sagt Hahn. Denn der Ausstieg ist ein schleichender Prozess, in dem sich unter anderem während Spaziergängen gemeinsam auf „Schatzsuche“ begeben wird. „Jeder Mensch kann etwas richtig gut. Dabei gilt es zunächst, an sich selbst zu denken, denn in rechtsextremistischen Kreisen steht immer im Vordergrund, was für die Gruppe von Nutzen ist“, berichtet Hahn von Erfahrungswerten.

Der Weg hinein in die rechte Szene ist fast immer sozial motiviert, beispielsweise die Suche nach einer Vaterfigur, nach Kameradschaft, Lob und Anerkennung. Eine politische Motivation steckt in den seltensten Fällen dahinter, rechtsextreme Einstellungsmuster werden erst später übernommen. Stühmer präzisiert: „Einstieg und Ausstieg kann man den Spiegel vorhalten, denn Kameradschaft und Vorbilder findet man beispielsweise auch in einer Sportmannschaft. Wir zeigen Alternativen auf und suchen eben Potenziale und keine Defizite.“ Das KAST-Team setzt daher auf Biographie-Arbeit und zeigt viel Verständnis für die Situation, jedoch nicht für gegebenenfalls begangene Straftaten. „Kritische Zugewandtheit“ nennt Stühmer diese Haltung. „Die Hemmschwelle ist leider oft groß uns anzurufen, weil das in rechtsextremen Gruppen als Verrat gilt“, sagt Stühmer und freut sich über Menschen, die diesen mutigen Schritt wagen.

Die Ausstiegsarbeit von KAST wird vom Bundesfamilienministerium gefördert und vom Landesdemokratiezentrum Schleswig-Holstein koordiniert. tbu

Kontakt zu KAST, um mehr zu erfahren oder um Unterstützung zu finden: Tel. 0170/5494484, E-Mail: team.kast@antigewalt-kiel.de oder www.antigewalt-kiel.de