Forschung rund um die Qualle

Geheimwaffe aus dem Meer: Eine im Atlantik und Mittelmeer weit verbreitete Kompassqualle (Chrysaora hysoscella). FOTOGRAF: TIHOMIR MAKOVIC

Kiel. Das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert das Forschungsprojekt „GoJelly“, bei dem untersucht wird, wie große Ansammlungen von Quallen entstehen und wie aus den Nesseltieren Mikroplastikfilter, Dünger oder Fischfutter hergestellt werden können.

Im natürlichen Umfeld kommt es immer wieder zu Quallenblüten, einem massiven Auftreten von Millionen von Quallen. „Die Faktoren für die Entstehung sind bisher unzureichend erforscht“, sagt Meeresbiologin Dr. rer. Nat. Jamileh Javidpour. Sie ist Initiatorin und Koordinatorin des vierjährigen Forschungsprojekts „GoJelly“ am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Weltweit sind insgesamt 15 Institutionen an dem von der Europäischen Union geförderten Projekt beteiligt. In Kiel wollen die Forscher vor allem den Lebenszyklus der Qualle genauer betrachten. „Das Untersuchen der Quallen ist gar nicht so einfach, denn nach dem Fang sind die meisten Medusen nicht mehr intakt“, so Dr. Javidpour. Daher entwickelte das Geomar einen Quallenkreisel, in dem die Tiere untersucht werden können. Aus den gesammelten Daten erhoffen sich die Wissenschaftler, eine Vorhersage über das Auftreten von Quallenblüten machen zu können.

Quallen als Lösung für Mikroplastik

„Ziel des Projektes ‚GoJelly’ ist es, aus der Quallenproblematik etwas Nützliches zu machen. Etwas, das andere Probleme wie zum Beispiel Mikroplastik im Meer löst“, so Dr. Javidpour. Bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoffe landen laut Umweltbundesamt jedes Jahr im Meer. Meeresbewohner verfangen sich in diesem Müll oder nehmen die kleinen Partikel in sich auf. Verletzungen und Störungen des Organismus sind die Folge. Eine mögliche Geheimwaffe gegen das Plastik, das zu immer kleineren Teilchen zerfällt, könnte Quallenschleim sein. Französische Forscher vom Observatoire Océanologique in Villefranche haben herausgefunden, dass der Schleim von Quallen Nanopartikel und somit auch Mikroplastik binden kann. „Wir haben unsere eigene Studie zu diesem Thema durchgeführt und konnten die Ergebnisse bestätigen“, so Meeresbiologin Dr. Javidpour. Im Rahmen des Forschungsprojekts „GoJelly“ möchte sie unter anderem herausfinden, unter welchem Umständen die Quallen Schleim absondern und welche Mechanismen das Anlagern von Mikroplastik begünstigen. „Wir wollen ausprobieren, ob aus Quallenschleim Biofilter hergestellt werden können. Die könnten dann in Klärwerken und in Fabriken eingesetzt werden, in denen Mikroplastik anfällt“, so Dr. Javidpour.

Nicht nur der Schleim, auch die gesamte Biomasse der Qualle ist für die Forscher interessant. „Schirm und Tentakel können zu Dünger oder Fischfutter weiterverarbeitet werden“, erklärt Dr. Javidpour. In ihnen stecken viele Nährstoffe und Collagen, das in der Kosmetikindustrie sehr begehrt ist. „Es wäre unsinnig, dieses Potenzial nicht zu nutzen“, so die Quallenexpertin.saa