Figuren gespielt wie Musikinstrumente

Marc Schnittger kombiniert Schauspiel mit Figurentheater und tritt mit seinen selbstangefertigten Puppen auch international auf. FOTO: KIB

Kiel. Marc Schnittger ist Schauspieler, Puppenspieler und Figurenbildner. Er kombiniert Schauspiel und Figurentheater, spielt für Erwachsene und für Kinder.

Mit Handpuppen oder lebensgroßen Figuren tritt er nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international auf. Mehrfach wurde er ausgezeichnet. In seinem Repertoire finden sich überwiegend Solo-Inszenierungen, die für große und kleine Bühnen konzipiert sind. Für jede Produktion stellt er ein spezifisches künstlerisches und technisches Team zusammen. Ob archaisch wie die Großfiguren in der Theater-Trilogie über das Triptychon „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch oder klein und auf das Wesentliche reduziert wie in „Handlungen“ – für Schnittger sind seine Figuren wie Musikinstrumente, die er individuell baut, „weil jede Rolle anders ist.“

Was muss ein Puppenspieler können?

Marc Schnittger: Ich finde wichtig, eine Schauspielausbildung gemacht zu haben, denn das Spiel steht immer im Zentrum. Aber ich habe auch Bildhauerei studiert und kann mir nicht vorstellen, meine Figuren nicht selbst zu bauen. Ich muss sie entwickeln und in sie hineinwachsen können. Die Arbeit an der Rolle bedingt die Wahl des Materials, die Haltung des Körpers, die Gestaltung des Kopfes, den Ausdruck der Hände, den Gang, die Gesten usw. Ich habe versucht, mit fremden Puppen zu spielen. Es geht nicht, das ist wie in einem fremden Körper zu leben.

Wie haben Sie Ihren Stil gefunden?

Am Anfang habe ich kein Festival versäumt, habe mir alles angesehen und die Kollegen studiert. Man fängt damit an zu imitieren, ändert es, kombiniert neu und so weiter. Irgendwann wirft man alles weg und entwickelt seine Authentizität von innen heraus. Mittlerweile beeinflussen mich eher andere Medien wie Film, Schauspiel, Oper, Malerei.

Worum geht es inhaltlich?

Ich möchte den Menschen ergründen, darum geht es eigentlich immer im Theater. Es geht nicht um bloße Abbildung, sondern um Verständnis. Am spannendsten finde ich den Kampf zwischen seiner animalischen und seiner kultivierten Seite der Seele, den er in jedem Moment seiner Existenz austrägt. Das ist das, was ihn einerseits hoffnungsfroh und andererseits hoffnungslos macht. Momentan proben wir neue Szenen für das Szenenprogramm „Handlungen“, frei nach Gerhard Mensching. Dessen Leitsatz war, dass die Domäne des Puppentheaters das Groteske sei. Das unterstreiche ich dreimal! Nur mit Händen, Handschuhen, auf die Zeigefinger gesteckten Kugelköpfen und mit wenigen Requisiten präsentieren mein Kompagnon und ich Minidramen, ein Kaleidoskop der menschlichen Existenz – für uns Puppentheater in seiner Reinform.

Wenn Sie Ihre Puppen sprechen lassen, bewegen sich Ihre Lippen, Sie sind also kein Bauchredner. Und doch ist immer klar, wer gerade redet.

Ja, das hoffe ich! Dafür habe ich lange trainiert. Wenn etwas nicht funktioniert, spüre ich das sofort an der Reaktion des Regisseurs und der Zuschauer, und es ärgert mich. Dann arbeite ich daran bis es klappt, um die Qualität zu steigern. Das gehört zum Handwerk.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Entscheidend für mich sind der Spaß an der Arbeit und das Teamwork mit gleichgesinnten Menschen. Wir arbeiten zusammen im Probenraum, in der Werkstatt, auf und hinter der Bühne. Man ist gemeinsam unterwegs und trägt seine Arbeit in die Welt hinaus. Mir ist klar, dass das flüchtig ist. Ich komme aus einer Architektenfamilie. Da steht manches vielleicht nach hundert Jahren noch. Das zwar Vergängliche, dafür aber Unmittelbare, sehr Lebendige, Körperliche ist das Privileg der Darstellenden Künste, das mich bis heute in den Bann zieht.

Informationen und Termine unter www.marcschnittger.de. kib