Einweihung der Kieler Traumaambulanz für Flüchtlinge

Im Januar 2016 hat die „Traumaambulanz Flucht und Migration“ in Kiel ihre Arbeit aufgenommen und ist im Oktober 2016 in eigens dafür eingerichtete Räume in den Niemannsweg 4 gezogen.

Kiel. Vor mehr als einem Jahr hat die neue Traumaambulanz mit dem Schwerpunkt „Flucht und Migration“ des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und des Zentrums für Integrative Psychiatrie (ZIP) am Campus Kiel ihre Arbeit aufgenommen. Am Montag, 24. April, haben Staatssekretärin Anette Langner, UKSH-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Jens Scholz und Dr. Sibylle Wilms, ZIP, die Traumaambulanz eingeweiht.

„Die Traumaambulanz stellt seit einem Jahr mit ihrem Spezialangebot eine wichtige Säule der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung von Flüchtlingen dar. Trotz sinkender Flüchtlingszahlen ist zu erwarten, dass durch die Etablierung der Spezialambulanzen an den beiden Standorten Kiel und Lübeck die Nachfrage weiter steigen wird. Daher hat die Landesregierung die Aufstockung der Landesmittel für das ZIP von derzeit 200.000 Euro auf 300.000 Euro erwirkt“, sagte Staatssekretärin Anette Langner, Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung.

Am Standort Kiel behandelt die ZIP bereits seit den 1990er-Jahren Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Nachdem 2014 die Förderung durch die EU (Europäischer Flüchtlingsfonds) nach zwölfjähriger Laufzeit nicht fortgesetzt wurde, erfolgte die Behandlung von Flüchtlingen zunächst im Rahmen der Regelversorgung. Die Praxis zeigte jedoch, dass bei der Behandlung dieser Patientengruppe neben spezifischem Fachwissen auch eine Sensibilität für das Setting „Therapie zu dritt“ mit Beteiligung von Dolmetschern unumgänglich ist. Zudem bedarf eine erfolgreiche Behandlung einer strukturierten und organisierten Abstimmung mit verschiedenen Ämtern, Flüchtlingsunterkünften und Dolmetschern. Mit Projektmitteln des Landes Schleswig-Holstein wurden in Kiel und Lübeck interdisziplinäre Arbeitsgruppen aufgebaut und entsprechende Konzepte entwickelt.

Zwischen Januar 2015 und Oktober 2016 sind in Schleswig-Holstein mehr als 63.500 Flüchtlinge angekommen. „Mit der Unterstützung des Landes haben wir die Möglichkeit, als Maximalversorger in Schleswig-Holstein den vielen Menschen die traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und an psychischen Störungen leiden, mit dem Wissen und der Erfahrung unsere Experten professionell zu helfen“, sagte Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH. Dr. Sibylle Wilms, Leitung des ZIP Ambulanzzentrums Kiel, ergänzte: „Es muss die Frage nach den menschlichen, aber auch den gesellschaftlichen Folgen von mangelnder initialer Behandlung von psychischen Störungen bei Geflüchteten und Migranten gestellt werden: Chronifizierung, Verbitterung, anhaltende Ängste, Konzentrationsstörungen und sozialer Rückzug verhindern eine möglichst rasche und erfolgreiche Integration. Schnelle Hilfe ist uns daher ein großes Anliegen.“

Stefanie Thielebein (Projektkoordinatorin), Dr. Silja Knolle-Veentjer (Psych. Leiterin Ambulanz), Staatssekretärin
Anette Langner, UKSH-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Jens Scholz und Dr. Sibylle Wilms (Ärztl.
Leiterin Ambulanz) haben die Traumaambulanz eingeweiht. FOTOS: UKSH

Im vergangenen Jahr wurden in der Traumaambulanz Flucht und Migration in Kiel mehr als 800 Fälle behandelt – 126 davon waren jünger als 18 Jahre. „Unsere Behandlungszahlen belegen, dass der Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung groß ist. Die Anzahl der im ZIP Kiel behandelten Geflüchteten steigt seit Bestehen der Traumaambulanz für Flucht und Migration im Januar 2016 stetig an. Im Juli 2016 gingen wir von einem Bedarf an vier Erstgesprächen wöchentlich aus. Wir hatten jedoch 102 Neuanmeldungen alleine im ersten Quartal 2017 bei einer durchschnittlichen Kapazität von aktuell sieben bis acht Erstgesprächen pro Woche“, sagt Stefanie Thielebein, Projektkoordinatorin.

 

Für die qualifizierte Behandlung der Patienten, ist der Ersttermin in der Traumaambulanz der zentrale Baustein der Behandlungsaufnahme. Dafür ist es notwendig, den organisatorischen Verwaltungsaufwand vor dem ersten Kontakt mit dem Patienten abzuschließen. Diese Arbeitsweise wurde mit der Arbeitsaufnahme von Stefanie Thielebein möglich. Sämtliche Terminanfragen werden von ihr aufgenommen, bearbeitet und gesteuert. In der Regel stimmt der Hauptbehandler nach dem ersten Termin gemeinsam mit dem Patienten und der Koordinatorin den weiteren Behandlungsweg ab. Zu den Behandlungsangeboten zählen neben einer stationären Aufnahme in akuten Krisensituationen eine ambulante ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, Ergotherapie sowie Unterstützungsangebote des Sozialdienstes. Zudem stimmt sich die Koordinatorin mit den Hilfsorganisationen, den Unterkünften und den Sozial- oder Gesundheitsämtern ab.

In Kiel gibt es neben der Behandlung erwachsener Geflüchteter auch die Möglichkeit, (unbegleitete) Minderjährige in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz des Ambulanzzentrums zu behandeln – Unterstützung kommt hier ebenfalls durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung. Durch das Projekt der Traumaambulanz kann die ZIP gemeinsam mit Dolmetschern, den Jugendhilfeeinrichtungen, ambulanten Betreuern und Vormündern zur Stabilisierung der belasteten Kinder und Jugendlichen beitragen und die Entwicklung schwerer psychischer Störungen aufhalten.

Am 1. Januar 2016 hat die „Traumaambulanz Flucht und Migration“ in Kiel ihre Arbeit aufgenommen und ist im Oktober 2016 in eigens dafür eingerichtete Räume in den Niemannsweg 4 gezogen. Helle und großzügige Therapieräume bieten optimale Voraussetzungen für die Behandlung von Flüchtlingen: Die „Therapie zu dritt“ mit Dolmetschern, die Erstgespräche zusammen mit den Sozialpädagogen oder häufig auch externen Helfern oder Familienangehörigen erfordern viel Raum. Die Gesamtbaukosten von rund 1,5 Mio. Euro wurden aus Eigenmitteln der ZIP gGmbH finanziert.

In Lübeck hat die „Traumaambulanz Flucht und Migration“ im Oktober 2015 ihre Arbeit aufgenommen. Die Behandlung der Flüchtlinge wird – wenn möglich – als Krankenkassenleistung abgerechnet, die Dolmetscherkosten werden beim jeweiligen Kostenträger beantragt. Darüber hinaus erhält die Einrichtung eine Förderung des Sozialministeriums für die Finanzierung einer Vollzeitstelle für die Projektkoordination pro Standort (Kiel und Lübeck), Kosten für die Gebäudenutzung sowie weitere Personal- sowie Sachkosten.