Einmal Emigrant, immer Emigrant

Kiel. Im Polnischen Theater Kiel ist derzeit Mrozeks Eintakter „Emigranten“ zu sehen. Das Stück aus dem Jahr 1974 fügt sich problemlos in die heutige Zeit. Bei der Premiere am Donnerstag, 19. Januar, die mit Standing Ovations zu Ende ging, zeigten Tadeusz Galia und Astrit Geci eindrucksvoll Einblicke in die Lebenswelt zweier namenloser Emigranten.

Die drei Zuschauerreihen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Mit dem letzten Gong verstummt das Murmeln – Dunkelheit. Und schon findet sich der Zuschauer in einem fensterlosen Kellerloch wieder, ein dunkles Zimmer mit heruntergekommener spartanischer Einrichtung, grauen Wänden, die von abgeplatzten Abwasserrohren durchzogen sind. Hier wird sich in den kommenden zwei Stunden nicht nur eine Silvesternacht abspielen, sondern die Leben zweier namenloser Emigranten in einer grotesken Auseinandersetzung. Der Autor Slawomir Mrozek nannte sie lediglich AA und XX: Der Intellektuelle, mit dem Kopf voller Bücher, Weltschmerz und Zynismus und der Arbeiter, der sich auf dem Bau die Gesundheit ruiniert und von der Heimat träumt.

Der Künstlerischer Leiter des Theaters Tadeusz Galia spielt ersteren selbst. XX, in der Gestalt von Astrit Geci, ist sein Gegenpart. Flapsig latscht er durchs Kellerzimmer, setzt mal eine trotzig kindliche, mal eine pubertär überhebliche Miene auf, gelegentlich ist Fröhlichkeit, fast schon Euphorie zu spüren. Seine Gefühle sind genauso einfältig und roh wie sein Gemüt, was Astrit Geci gekonnt herausarbeitet.

Nichts davon transportiert Tadeusz Galia. Mit höhnischer Bitterkeit und der Diskrepanz zwischen dem eigenen Intellekt und der Einfältigkeit seines Mitbewohners mehr als bewusst, wird er nicht müde, diesem seine Einfachheit vor Augen zu führen und seine Illusionen zu rauben. XX hat für den Intellektuellen nicht viel mehr Respekt übrig. Den Höhepunkt dieser von Misstrauen geprägten Hassliebe findet das Stück in einem Fast-Mord. Als XX die Axt hebt, geht das Licht aus.

Und wieder an. Der Applaus setzt zögernd ein. Nur mühsam kommen die Zuschauer wieder in die Realität zurück, schieben sich zum Foyer, wo schon kurz darauf Stimmengewirr bei angeregten Gesprächen anschwillt.

Er habe viele Inszenierungen der „Emigranten“ gesehen, wird Galia nach der Vorstellung erzählen. Doch diesem kritischen Punkt des Stücks habe er eine besondere Note geben wollen. Denn an dieser Stelle kippe die Situation der beiden Emigranten. Der Schock sitzt tief, AA und XX schnellen auseinander, als das Licht – sowohl im Stück als auch nach der Pause für die Zuschauer – wieder angeht. Nehmen zögerlich den Dialog wieder auf.

„Es gibt so viele Facetten in diesem Stück, die man einzeln betrachten kann“, sagt Galia. Eine davon sei die Wirkung der Emigration, die für ein ganzes Leben bleibt. Der Begriff von Heimat, der sich für immer verändert. Er weiß wovon er spricht. Während er über die Proben, die Aufführung, die Dialoge erzählt, fällt aus, dass er die Ich-Form benutzt, wenn er von AA redet. Als sei er selbst der Namenlose im Keller gewesen.

Das Tragischste ist zugleich das Komischste. Der wenig durchdachte Plan von XX, sich an der Lampe zu erhängen, begleitet vom gemeinsamen Aufsetzen eines Abschiedsbriefes an die Familie daheim, geht nicht auf.

Noch während AA respektive Galia seine Abschlussworte spricht, während das Licht schwindet und nur noch schwach sein Gesicht erleuchtet, ahnt der Zuschauer, was jetzt nicht mehr kommt. Das von Mrozek seinerzeit niedergeschriebene finale Schluchzen, das sich in der Dunkelheit entlädt und über die nicht erreichbare Welt ergießt. Es ist nicht mehr nötig. Die Gewissheit, in dieser Ausweglosigkeit gefangen zu sein, in diesem absurden Kellertheater, der stille Schmerz über Erkenntnis und Verzweiflung, ergießen sich über das Publikum. Blackout. eli

Infos und die nächsten Termine unter www.polnisches-theater-kiel.de.