Ein Stück lebendige Geschichte – Kieler Stadtspaziergang erinnert an den Matrosenaufstand vor 100 Jahren

Manuela Junghölter zeigt historische Fotos der bedeutendsten Orte des Matrosenaufstandes. Die rote Schleife an ihrer Tasche erinnert an die gleichfarbigen Bänder, die 1918 als Zeichen des Friedens und der Solidarität getragen wurden. Foto: svp

Kiel. Anfang November 1918 sah Kiel buchstäblich „rot“. Rot war die Farbe der sich solidarisierenden Arbeiter und meuternden Matrosen, die zunächst nur Freiheit für ihre inhaftierten Kameraden und bessere Lebensbedingungen forderten. Doch die Lage eskaliert: Es kommt zu Aufständen, einem Protestzug, Häuserkämpfen, ersten Schüssen und ersten Toten, ein Soldaten- und ein Arbeiterrat werden gegründet. Am 9. November wird die Republik ausgerufen, und der Kaiser flieht ins Exil. Die ersten Novembertage des letzten Kriegsjahres waren die Tage der Kieler Matrosen.

„Wir behandeln die politische Großwetterlage ebenso wie die Situation hier bei uns in Kiel“, erläutert Stadtführerin Manuela Junghölter den 13 Teilnehmern des ersten Stadtspaziergangs der neuen Reihe „Vor 100 Jahren: Revolution in Kiel“. Einige der geschichtsträchtigen Orte sind natürlich dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen, andere sind noch vollständig erhalten. Viele dieser Orte, angefangen beim Kieler Rathaus über den ehemaligen Kasernenhof bis zum Denkmal im Ratsdienergarten, wird die Kunsthistorikerin in rund zwei Stunden ansteuern. „Hier im Versammlungsraum des Gewerkschaftshauses tagten der Arbeiter- und der Matrosenrat“, erklärt Junghölter in der Legienstraße vor dem roten Backsteinbau, der heute unter anderem den Deutschen Gewerkschaftsbund und die Kieler SPD beherbergt. Von diesem Zentrum des Geschehens geht es zur Feldstraße und Brunswiker Straße, wo während des Protestzugs mit tausenden Arbeitern und Matrosen die ersten Schüsse fielen und die ersten Toten zu beklagen waren. „Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die tragischen Vorfälle“, so Junghölter. Über zeitliche Abläufe, Beweggründe und historische Orte weiß die Stadtführerin detailgenau Bescheid – und hat gleich noch einige historische Bilder zur Veranschaulichung dabei.

Doch obwohl Kiel Zentrum dieses umwälzenden politischen Ereignisses war, „hatte sich die Stadt lange nicht mit dem Matrosenaufstand ausgesöhnt“, so Junghölter. Dennoch: Inzwischen ist viel getan worden – auch durch die 1982 aufgestellte, von Hans-Jürgen Breuste geschaffene Skulptur im Ratsdienergarten. 36 Jahre später – im Jubiläumsjahr – erinnert Kiel mit Ausstellungen, Vorträgen, Publikationen und Filmen an den Matrosenaufstand. Der Stadtspaziergang „Vor 100 Jahren: Revolution in Kiel“ trägt seinen Teil dazu bei – und lässt Geschichte ein Stück weit lebendig werden. svp

 

Am 18. Mai, 8. Juni, 20. Juli, 17. August, 14. September, 19. Oktober und 9. November beginnen die Stadtführungen „Vor 100 Jahren: Revolution in Kiel“ jeweils um 16 Uhr. Weitere Informationen und Karten für 12 Euro gibt es in der Tourist-Information oder online unter www.kiel-sailing-city.de