Ein Blick in die Vergangenheit: Eckernförde unter britischer Besatzung

Das Buch von Olse Rathjen beschäftigt sich mit der Zeit der Britischen Militärregierung in Eckernförde.

Eckernförde. Unter diesem Titel hat die die gebürtige Eckernförderin und ehemalige Lehrerin Ilse Rathjen-Couscherung ein Buch geschrieben, in dem sie sich ausführlich und facettenreich mit der zehnjährigen Besatzungszeit der Stadt beschäftigt. Der Band umfasst 260 Seiten und enthält viele, zum Teil bisher unveröffentlichte Schwarz-Weiß-Fotos, Grafiken, Plakate, Texte und Bekanntmachungen der britischen Militärregierung. Zudem hat die Autorin zahlreiche bewegende Gespräche mit ehemaligen Zeitzeugen dokumentiert. Am 7. Mai 1945 rollen die ersten britischen Panzer durch die Stadt und nur drei Tage später etabliert sich die britische Militärregierung. Die Truppen besetzen sämtliche Behörden einschließlich der Post, wo sämtliche Telefonleitungen außer Betrieb gesetzt werden. Die Reaktionen der Bevölkerung sind unterschiedlich: Einige Bürger äußern sich bedrückt und fassungslos angesichts des verlorenen Krieges; andere zeigen sich erleichtert darüber, dass der hohe Blutzoll der Frontkämpfer und der Zivilbevölkerung endlich vorüber ist. Zwischen Ablehnung und Erleichterung Beim Einmarsch der Besatzungssoldaten säumen viele Menschen, vornehmlich Kinder und Jugendliche, die Straßen, andere wiederum bleiben hinter den Gardinen, um den Besatzern nicht die Genugtuung zu geben, als Sieger in der Stadt willkommen zu sein. Die Engländer stoßen bei ihrem Einmarsch nicht mehr auf Widerstand. Einige Pimpfe die versuchen, durch Errichten von Panzersperren die Besetzung zu verzögern, erkennen rasch die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens. Der britische Gouverneur bezieht das repräsentative Herrenhaus von Gut Altenhof als Residenz. Als erste einschneidende Maßnahme wird trotz massiver Proteste der Bevölkerung die Torpedoversuchsanstalt demontiert und danach gesprengt. Weitere Anordnungen der Besatzungsmacht betreffen die Beschlagnahme von Waffen, Autos, Segelyachten und sogar von Fotoapparaten. Eckernförder Zeitung darf nicht erscheinen Ferner wird den Einwohnern ein Ausgehverbot zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr früh auferlegt. Die „Eckernförder Zeitung“ darf nicht mehr erscheinen. Sie wird ersetzt durch ein offizielles Mitteilungsblatt der Briten, in dem öffentliche Bekanntmachungen enthalten sind wie zum Beispiel die Ankündigung von Nahrungsmittel-Lieferungen. Nicht zimperlich gehen die Besatzer bei der Requirierung von Häusern und Wohnungen vor. Bevorzugt werden größere Einzelhäuser mit komfortabler Ausstattung wie Zentralheizung und Bad beschlagnahmt. Die Bewohner werden rigoros ausquartiert: Oft bleiben ihren nur wenige Stunden, um mit ein paar persönlichen Habseligkeiten ihre Bleibe zu räumen. „Fraternisierungsverbot“ Auch ein Versammlungsverbot gehört zu den ersten Anordnungen der Militäradministration. Es gilt für Vereine ebenso wie für das Zusammenstehen mehrerer Personen auf der Straße. Dies ist bereits eine „Zusammenballung“ und wird von der britischen und deutschen Polizei zerstreut. Als besonders einschneidend und entwürdigend empfinden die Einwohner das den Besatzungssoldaten gegenüber den Deutschen auferlegte sogenannte Fraternisierungsverbot. Danach ist es den Angehörigen der britischen Streitkräfte verboten, mit den Deutschen auszugehen, ihnen die Hand zu geben oder sie zu Hause zu besuchen. Viele Soldaten nehmen diese Vorschritt jedoch nicht allzu ernst, und zwar vor allem dann nicht, wenn es um Kontakte zur weiblichen Bevölkerung geht. Vielfach sind es nur harmlose Besuche: Die Frauen verdienen sich etwas Essbares für sich und die Familie, indem sie für die Soldaten die Uniformen und sonstige Bekleidung waschen und bügeln. Oft handelt es sich aber auch um andere Dienste, und die Frauen bekommen dafür Nylonstrümpfe, Zigaretten, Kaffee und Schokolade. Die nächtlichen Besuche der Besatzungssoldaten geschehen jedoch längst nicht immer einvernehmlich; vielfach werden die Soldaten auch durch übermäßigen Alkoholgenuss enthemmt. Während der Besatzungszeit erblicken etliche deutsch-britische Kinder das Licht der Welt, einige Frauen heiraten ihre Freunde und folgen ihnen nach Ende der zehnjährigen Besatzungszeit nach Großbritannien. Sport baut Brücken Peu à peu entspannt sich im Verlaufe dieser Dekade das Verhältnis zwischen den Einwohnern und den Briten zunehmend. Vor allem der Sport bildet eine Brücke. Die meisten britischen Offiziere sind begeisterte Segler und erkennen schnell, dass die Eckernförder Bucht ein ideales Revier darstellt. Auch Tennis, Hockey, Cricket, Fußball und Boxen führen beide Seiten zusammen. Großen Anklang findet auch der kulturelle Bereich. In den ebenfalls beschlagnahmen Hotels und Gaststätten finden Varietéveranstaltungen, Film- und Theatervorführungen statt, die auch von den Eckernfördern besucht werden dürfen. Auch deutsche Tanzorchester sind gefragt Der kürzlich im Alter von 89 Jahren verstorbene James-Bond-Darsteller Roger Moore ist ab 1946 in Schleswig-Holstein stationiert und steht mehrfach in Eckernförde auf der Bühne. Er erinnert sich, dass er bei einer Show im Hotel „Stadt Hamburg“ immer „a lot of fun“ hatte. Die Buchautorin hat es in hervorragender Weise verstanden, eine oft nachdenklich stimmende, häufig zum Schmunzeln verleitende, in jedem Fall höchst unterhaltsame und spannende Chronik der Stadt Eckernförde während der britischen Besatzungszeit vorzulegen.  wok