Bleib hier, Buchstabe!Bleib hier, Buchstabe!

Tintenfraß gestoppt: Dr. Maike Manske (links) von der Landesbibliothek und Silke Gehring von der Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft zeigen einen restaurierten Brief von Ernestine Voß (Gemälde). Foto Eva-Maria Karpf

200 Jahre alte, handgeschriebene Briefe können durch Spende restauriert werden

Die eng beschriebenen Seiten von Ernestine Voß‘ Briefen sind nur mit der Lupe zu entziffern. Dr. Maike Manske (Mitte) von der Landesbibliothek mit Dr. Frank Baudach (links), Martin Grieger und Silke Gehring von der Johann-Heinrich-Voß-Stiftung. Foto Eva-Maria Karpf

Kiel. Die Familienbriefe von Johann Heinrich und Ernestine Voß gehören zu den ältesten und wichtigsten Beständen in der Handschriftenabteilung der Landesbibliothek. Manche davon sind jedoch kaum noch zu lesen, weil die eisenhaltige Tinte die Schrift „verrosten“ lässt. Gemeinsam haben Landesbibliothek und Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft nun rund 360 Briefe restaurieren lassen.

Der Schriftsteller Johann Heinrich Voß (1721-1826) war ein kritischer Geist der Aufklärung. Bekannt ist er nicht nur für seine Gedichte, sondern auch die Übersetzung von Homers Werken. In Ernestine Boie (1756-1834) hatte er eine Ehefrau gefunden, die ihm intellektuell auf Augenhöhe begegnete. Das Paar lebte mit den vier Söhnen 20 Jahre lang in Eutin, später in Jena und Heidelberg.

„Ihre Briefe sind sehr inhaltsreich und lebendig“, sagt Silke Gehring, Vorsitzende der 1993 gegründeten Johann-Heinrich-Voß-Gesellschaft. „Beide beobachten genau das politische Geschehen ihrer Zeit, die französische Revolution, die napoleonische Ära, die Veränderungen nach 1814.“ Auch erfahre man viel über das Leben einer bürgerlichen Familie um 1800, über Musik und Literatur, über die Alltagssorgen. „Um 1816 gab es mehrere lange, kalte Winter und Missernten“, nennt Gehring als Beispiel.

Die fleißigste Briefschreiberin war Ernestine Voß. Um Papier zu sparen, beschrieb sie die Seiten dicht mit winziger Schrift. „Zu ihrer Zeit verwendete man Eisengallustinte“, erklärt Dr. Maike Manske, Leiterin der Handschriftenabteilung in der Landesbibliothek. „Mit der Zeit beginnt die Tinte zu rosten – das kann so weit führen, dass Buchstaben aus dem Papier fallen.“

2012 hatte die Landesbibliothek bereits Briefe restaurieren lassen. „Dabei werden die Metalle aus dem Papier gewaschen und die Löcher vorsichtig mit Papierfasern geschlossen“, erklärt Manske. „Was zerstört ist, kann jedoch nicht wieder sichtbar werden.“ Eine Geldspende von Manfred Merkens an die Voß-Gesellschaft gab nun den Anstoß, um weitere 360 Briefe zu restaurieren. Die Kosten von 6000 Euro übernahm zu fünf Sechsteln die Landesbibliothek. emk