Autisten in der Schule – Wenn alles zu viel wird

Autisten fällt es schwer sich zu konzentrieren, sie nehmen alle äußeren Reize gleichwertig auf: Lehrer, Mitschüler und sogar der Straßenlärm außerhalb des Klassenzimmers. FOTO: PIXABAY

Kiel. Kinder, die eine Autismus-Spektrum-Störung haben, kommen in der Schule oftmals an ihre Belastungsgrenzen. So geht es auch dem 12-jährigen Bastian* aus Kiel. Zu viele Informationen in zu kurzer Zeit führen bei ihm zu einer Überflutung seines Gehirns. Die Lehrer sind oftmals überfordert und es ist schwer, eine dauerhafte Schulbegleitung zu erhalten.

„Autismus ist von außen nicht sichtbar. Daher ist es schwer, Verständnis für diese Entwicklungsstörung zu bekommen“, sagt Hannah B.*, Mutter des 12-jährigen autistischen Bastian.

Schon früh merkte sie, dass ihr Sohn anders ist. Als Kind war Bastian oft unzufrieden und weinerlich, hatte eine geringe Frustrationstoleranz und reagierte auf Nähe abweisend. Seine Sprachentwicklung war verzögert, zur Verständigung benutzte er eher Mimik und Gestik. Den Kontakt zu anderen Kindern lehnte er massiv ab. Mit Ergotherapie und Logopädie sollte er seine Entwicklungsstörung wieder aufholen – ohne Erfolg. Erst mit sieben Jahren erhielt er von einem Kinderpsychologen die Diagnose „atypischer Autismus“. Mittlerweile besucht Bastian eine sechste Klasse auf einer Gemeinschaftsschule. Er versucht sich möglichst unauffällig in den Klassenverband zu integrieren, doch als Autist nimmt er alle äußeren Reize gleichwertig auf: Der Lehrer schreibt an der Tafel, die Mitschüler flüstern und der Straßenlärm ist durch das geöffnete Klassenzimmerfenster zu hören. „An einem Tag flog ein Rettungshubschrauber vorbei und alle Kinder guckten aus dem Fenster. Als dieser lange weg war und alle zum Unterricht zurückkehrten, dachte er noch über dieses Ereignis nach. Sein Kopf ist dann wie eine aufgehängte Festplatte. Er kommt einfach nicht weiter“, so Hannah B.. Zu viele Informationen in kurzer Zeit führen bei Autisten oftmals zu einem Overload. Das Kind reagiert mit Wutausbrüchen oder verweigert die Teilnahme am Unterricht.

Lehrer können dieses Verhalten oftmals nicht nachvollziehen und sind überfordert. „Ihnen fehlt oft das Wissen und die Erfahrung im Umgang mit autistischen Kindern“, sagt Alexandra Arnold, Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Autismus. Als Fachreferentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein ist sie zuständig für die Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche. Eine mögliche Lösung wären Fort- und Weiterbildungen, diese werden zum Beispiel vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) angeboten. Außerdem hat jede Schule, die von autistischen Kindern besucht wird, Anspruch auf eine Beratung von der Beratungsstelle Inklusive Schule (BIS). Eine optimale Lösung wäre in den Augen der Diplom-Pädagogin, wenn Fachlehrkräfte zusammen mit Sonderschullehrkräften, Schulsozialarbeitern und weiteren Unterstützungskräften im Team zusammenarbeiten würden und diese die autistischen Kindern kontinuierlich betreuen würden. Solange die meisten Schulen nicht entsprechend ausgestatte sind, kann als Hilfestellung für Autisten eine Schulbegleitung sinnvoll sein. Diese begleitet das Kind im Schulalltag und unterstützt dabei passende Entscheidungen zu treffen – zum Beispiel, dass das Kind sich zurückziehen kann, bevor es ihm zu viel wird. „Die Anzahl der Anträge für Schulbegleitung ist in den letzten Jahren sehr stark gestiegen“, sagt Alexandra Arnold. Voraussetzung für die Schulbegleitung ist eine gesicherte Diagnose. Diese zu erhalten, kann, wie im Fall von Bastian, aber mehrere Jahre dauern. In der Zwischenzeit hat das Kind keinen Anspruch auf Fördermaßnahmen. Hannah B. kritisiert auch die kurzfristige Bewilligung. „Oftmals gibt es nur zwei bis drei Stunden pro Woche eine Schulbegleitung. Diese ist dann auch noch auf drei Monate befristet.“ Das Ziel der Ämter sei es, dass die Kinder schnell selbstständig werden. Doch so schnell ginge das bei Autisten nicht, erklärt die Mutter. „Oftmals wechselt dann auch noch die Begleitperson. Doch jede Änderung ist für das Kind ein Drama.“ Bastian bemüht sich trotz dieser Probleme in der Schule gut zurecht zu kommen. In einer schulunabhängigen autismusspezifischen Förderung bekommt er die nötigen „Werkzeuge“ an die Hand, um seinen Alltag besser bewältigen zu können. Trotzdem wird Schule – wie sie ist – für ihn vermutlich eine Herausforderung bleiben.                                                                                 (saa)

*Name redaktionell geändert