Auf der Bühne gibt es keine Rettung

Theaterpädagogin Martina Vanicek (li.) startet am 4. Oktober das neue „Mehr! Generationentheater Kiel“ in der Pumpe. Renate Hamann nimmt (wieder) teil. FOTO: ELIASBERG

Kiel. Nahezu alle Altersgruppen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Behinderung werden sich im neuen Mehrgenerationentheater-Projekt von Theaterpädagogin Martina Vanicek begegnen und gemeinsam ein Stück auf die Bühne bringen, das noch nicht existiert. Über ein Experiment, das keines ist.

Acht Jahre lang arbeitete Martina Vanicek am Theater Kiel als Theaterpädagogin. Seit 2015 leitet sie freischaffend Theatergruppen, für Kinder und Erwachsene. Irgendwann habe sie sich gefragt, warum sie das eigentlich trenne. Und: Lässt sich das nicht verbinden?

Vielfalt mit gemeinsamem Nenner

Heraus kam das Mehrgenerationentheater, ein Projekt, das Anfang Oktober starten soll. Das Konzept, unterschiedliche Altersstufen in einem Projekt zu integrieren, existiert bereits, jedoch sind die Alters- und so ziemlich alle anderen Grenzen weiter gefasst. Mitmachen können Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren, Frauen, Männer, Menschen mit Handicap, Menschen mit Migrations- beziehungsweise Fluchthintergrund. „Das ist neu und ich freue mich sehr darauf“, sagt Martina Vanicek.

Doch wie lässt sich Vielfalt auf einen gemeinsamen Nenner bringen? „Das fängt schon an, wenn wir anfangen, über Heimat zu sprechen“, gibt die Theaterpädagogin ein Beispiel. Das müsse nicht zwangsläufig verbal sein. Das Gefühl von Heimat könne etwa in Bewegung umgesetzt werden. „Daraus wird das erste Material.“

Das Arbeitsthema lautet diesmal „Lichterloh“. „Ich persönlich verbinde damit die Frage: Wofür brennst du? Was ist dir in deinem Leben wirklich wichtig?“, erklärt Vanicek. Leises Glühen, heimliche Sehnsüchte und – die Kehrseite – das Ver- oder Ausbrennen, ein hochaktuelles Thema unserer Tage, seien weitere mögliche Assoziationen. „Mehr gebe ich nicht vor.“ Alles Weitere bleibt der Entwicklung überlassen.

Wichtig für sie ist das Öffnen der Themen. Kinder etwa seien durchaus in der Lage, dieselben Fragen zu bearbeiten wie Erwachsene. „Alles, was in der großen Oper verhandelt wird, sind Themen, die auch Kinder berühren“, weiß die Theaterpädagogin.

Brennen statt ausbrennen

Renate Hamann ist mit 71 Jahren die zweitälteste Teilnehmerin, die sich für das neue Projekt angemeldet hat, die bisher Jüngste ist 13. Gerade habe sich ein 76-Jähriger für das Mehrgenerationentheater angekündigt. „Ich fand den Titel für mich ganz wichtig“, sagt sie. „Das Thema „Lichterloh“ zieht sich durch mein Leben. Ich denke, man muss für das, was man tut, immer brennen – und aufpassen, dass man nicht ausbrennt“, fügt sie hinzu. „Begeisterung. Das ist entscheidend, auch für Kinder.“

Die pensionierte Krankenschwester hat Martina Vanicek während einer theaterpädagogischen Fortbildung kennengelernt. Nicht zu wissen, was sich aus einem solchen Theaterprojekt entwickelt, hat sie besonders angezogen. „Das fand ich unglaublich spannend“, sagt die Hobby-Schauspielerin, die bereits an zwei Theaterprojekten von Martina Vanicek teilgenommen hat. Das integrative Konzept des Mehrgenerationentheaters hatte wiederum ihre Neugier geweckt. Und: „Wenn es 13-Jährige gibt, muss es auch 71-Jährige geben“, sagt sie und lacht. Das Theater habe ihr „Leichtigkeit, Lebensfreude, Mut und neue Gedanken“ gegeben, „es hat unendlich viel Spaß gemacht.“

Kein Improvisationstheater

Das Mehrgenerationen-Projekt ist kein Improvisationstheater, auch wenn mit dessen Methoden gearbeitet wird. „Ich bin immer mit der Kamera dabei, jede Probe wird gefilmt“, sagt Vanicek, daraus schöpfe sich das Material, das aufgearbeitet, „ästhetisiert“, in Bühnensprache übersetzt wird. Niemand muss etwas spielen, womit er sich unwohl fühlt und „niemand steht als er selbst auf der Bühne“.

Alles findet in einem geschützten Rahmen statt, bis das fertige Stück, mit festem Textbuch, am 8. Juni auf die Bühne kommt. Hier dulde die Theaterpädagogin keine Improvisation, sagt sie und lacht.

Es geht um Begegnung – und um Mut

Der Entstehungsprozess gebe den Teilnehmern Sicherheit. Und die Fähigkeit, auch im „Bühnen-Notfall“ zu improvisieren und jede ungeplante Situation zu meistern. „Auf der Bühne gibt es keine Rettung“, weiß Theaterprofi Vanicek. Es ginge beim Theater auch um Mut. Die reale Erfahrung, dass brenzlige Situationen gelöst werden müssen und vor allem können. Und dass sich jeder auf die anderen verlassen kann. Das Mehrgenerationenkonzept ist ein Experiment – mit erprobten Methoden. „Es geht um Begegnung“, sagt Vanicek, „und das passiert in jeder Probe“, ergänzt Renate Hamann.

Die Kieler Pumpe unterstützt das neue Projekt, man dürfe kostenlos die Räume für die Proben nutzen. Finanziell greift die Stadt Kiel unter die Arme. Unterstützung kommt auch vom Theater Kiel. Die bunte Truppe wird das Studio des Schauspielhauses als Aufführungsort zur Verfügung haben. „Das ist toll, denn auch dieser Raum ist barrierefrei.“  (eli)

„Mehr! Generationentheater Kiel“ probt ab dem 4. Oktober jeweils mittwochs, 17 bis 19 Uhr, in der Pumpe Kiel, Haßstr. 22. Zwei Schnupperproben (die ersten zwei Termine) geben Gelegenheit zum Ausprobieren. Öffentliche Aufführungstermine sind für Sommer 2018 geplant.

Anmeldung bei Martina Vanicek, martina.vanicek@web.de oder Tel. 01577/2017 773. Besonders Männer jeden Alters sind eingeladen. Kosten: 25 Euro monatlich,

Ermäßigungen sind möglich, bitte Martina Vanicek ansprechen.