Erzählen, immer wieder erzählen – und warnen

In ihrer Strander Wohnung hat die 94-jährige Autorin Ingelene Rodewald ein gutes Umfeld zum Arbeiten. (Foto: Göd)

Strande. Die 20er Jahre hat sie miterlebt sowie die Gräuel des Zweiten Weltkrieges und das Wirtschaftswunder; sie hat 18 Jahre in Kanada verbracht und ist schließlich nach Strande gezogen. Im März wird Ingelene Rodewald 95 Jahre alt. Erst mit 6o Jahren hat sie angefangen zu schreiben. Nun kommt in Kürze ihr zehntes Buch heraus. Ihre Bücher, in denen sich Familiengeschichten spiegeln, wollen eine Warnung vor Krieg und Missachtung von Menschenrechten sein.

Ingelene Rodewald, die mit Mädchennamen Ivens heißt, ist 1922 in Holtenau geboren worden und machte zu Kriegsbeginn in Kiel ihr Abitur. Sie erinnert sich mit Schrecken an die Aufenthalte im 20 Minuten entfernt gelegenen Bunker in Holtenau während des Krieges: „Wir standen eng aneinandergepresst ein bis zwei Stunden im Dunkeln auf matschigem Boden. Die Atmosphäre war still und hoffnungslos. Der eine hustete, ein Baby weinte und die Leute rochen nach Angstschweiß und Schmutz, denn im Krieg gab es kaum Seife“, erzählt die vitale Seniorin. Viel lieber saß die damals 18-Jährige oben auf dem Sitz im Kirschbaum des großen Obstgartens. Von dort beobachtete sie während des Fliegerangriffs, wenn es auf der anderen Seite des Kanals in Kiel brannte. Dort wollte sie auch im September 1943 wieder hochklettern, kurz bevor ein schwerer Bombenangriff auf Kiel und Holtenau begann. Ihr Freund Georg Rodewald, der sie zufällig besuchte, drängte sie aber, im Haus Schutz zu suchen. „Er bückte sich über mich und beschützte mich. Es fiel eine Brandbombe in den Vorraum unseres Hauses und er warf sie mutig in den Garten. Es war zwei Stunden die Hölle.“ Als alles überstanden war, gingen die beiden in den Garten, um sich zu beruhigen. „Da sah ich, dass der Kirschbaum durch eine Luftmine weggesprengt worden war.“

Die junge Frau, deren Mutter aus einer Eckernförder Verlegerfamilie stammte und deren Vater Architekt und Bauunternehmer war, studierte in Hamburg an der Pädagogischen Hochschule. Doch anstatt nach ihrem Examen in einer Großstadt nach ihren Wünschen eingesetzt zu werden, wurde sie in einem Dorf ohne fließend Wasser und Strom bei Posen im heutigen Polen dienstverpflichtet. Drei Jahre später kam Georg Rodewald auf Urlaub zu ihr und sagte, er würde nicht ohne sie wieder fortgehen. „Wir heirateten. Das bedeutete, dass ich nach Schleswig-Holstein versetzt wurde.“ Vier Monate später zerstörten russische Truppen das Dorf.

Ihr Mann, Georg Rodewald, war im Krieg schwer verwundet worden und hatte keine Ausbildung. „Er überlegte, ob er vielleicht Maurer werden und eine Lehre beginnen sollte, um das Baugeschäft von seinem Schwiegervater zu übernehmen.“ Doch dann entschied er sich für ein Medizinstudium. Seine Frau verdiente als Grundschullehrerin das Geld für die Familie, sie bekamen drei Kinder. Am Uniklinikum Eppendorf habilitierte sich ihr Mann und wurde ein wegweisender Herzchirurg. 35 Jahre lebten sie in Hamburg und gingen nach seiner Emeritierung 1985 nach Kanada. Sechs Jahre später starb Georg Rodewald unvorhergesehen. „Es war ein furchtbarer Schlag für mich. Aber ich wagte ein neues Leben, ich fing an zu schreiben und zu reisen. Ich fuhr um Kap Horn, reiste nach Alaska, Nairobi und lernte die Karibischen Inseln kennen“, erzählt die Seniorin.

Im Jahr 2004 kam Ingelene Rodewald zurück nach Hamburg und lebt seit 2008 in Strande. In ihren Büchern greift sie nicht nur auf eigene Erfahrungen zurück, sondern auch auf zahlreiche Dokumente, Briefe, Postkarten und Fotos aus dem Familienbesitz, die über die beiden Weltkriege gerettet werden konnten. Ein Glücksfall: „Mein Vater hat leidenschaftlich gern fotografiert.“ In dem neuen Buch, das demnächst im Ludwig Verlag erscheinen wird, zeigen Dokumente und Briefe aus den Jahren 1916 bis 1918 das Leben ihres Vaters auf, der am Ende des Krieges als Eisenbahnpionier in Konstantinopel stationiert war. Mühsam hat sie die handgeschriebenen Briefe entschlüsselt und lesbar gemacht.

Ihr nächstes Projekt, das sie gern in Angriff nehmen möchte: „Über meinen Großvater Wilhelm Spethmann gibt es spannende Geschichten. Er war Herausgeber der Eckernförder Nachrichten und Reichstagsabgeordneter.“ Die Autorin setzt sich auch schon einmal nachts oder in den frühen Morgenstunden an den Laptop, um zu arbeiten und zu schreiben. Und wenn sie nicht gerade eine der zahlreichen Einladungen angenommen hat oder einer der Enkel zu Besuch kommt, geht sie auch tagsüber ihren schriftstellerischen Tätigkeiten nach. „Ich möchte, dass meine Erlebnisse eine Warnung sind vor Krieg und Unrecht und nicht in Vergessenheit geraten“, sagt sie.