31 Jahre Tschernobyl – zwei Liquidatoren erzählen

Die Tschernobyl-Liquidatoren Nikolaj Bondar (links), Yauheniya Filomenka (Mitte) und Stadtpräsident Hans-Werner Tovar (rechts) tauschten Geschenke im Kieler Rathaus aus und förderten Dialog und Warnung zur Atomkraft. FOTO: TBU

Kiel. Als der junge Soldat Nikolaj Bondar am 28. April 1986 zu einem Sondereinsatz fuhr, wurden ihm und seinem Bataillon nicht gesagt, wohin sie gebracht und welche Tätigkeiten sie zu verrichten haben werden. Am Einsatzort angekommen waren Bondar und seine Kameraden die ersten Helfer vor Ort nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986.

Der damals 22-jährige Bondar wurde somit einer der sogenannten Liquidatoren. Er war dazu eingeteilt Helikopter mit Abfällen zu beladen, Brände zu löschen und verstrahltes Wasser aus dem Innenraum zu pumpen. Heute ist Bondar Invalide und zu 80 Prozent arbeitsunfähig. Man sieht es ihm äußerlich nicht an. Die radioaktive Strahlung hört, sieht und riecht man nicht, aber sie attackiert biologische Zellen, kann DNA-Ketten aufbrechen und das Erbgut verändern. Langfristig können sich Tumore oder Leukämie entwickeln. Ab welcher Strahlendosis das passiert können Forscher jedoch nicht exakt sagen. Als Militärangehöriger war die Arbeit am Reaktor Bondars Pflicht, genauso wie er es jetzt als seine Pflicht ansieht in andere Länder und vor allem Schulen zu reisen, um von seinen Erfahrungen zu erzählen, den Folgen der Katastrophe zu berichten und sich für erneuerbare Energien einzusetzen. Bondar ist hocherfreut über das große Interesse und sagt: „Für uns ist die Katastrophe von damals zum ständigen Begleiter im Alltag geworden.“

Um darüber zu sprechen lud der Kieler Stadtpräsident Hans-Werner Tovar am 31. Jahrestag der Katastrophe in sein Amtszimmer. Nikolaj Bondar kam nicht allein. Auch Yauheniya Filomenka lebte mit ihrer Familie in der Nähe des Reaktors und arbeitete als Liquidatorin. Sie half bei der Umsiedlung der Dorfbewohner und als Köchin. Die Folgen der Katastrophe erlebte die Weißrussin hautnah und am eigenen Leibe, auch heute noch. Ihr 36-jähriger Sohn ist schwerbehindert. Sie selbst hat Probleme mit Herz, Gelenken und Schilddrüse. Selbst bei der 13-jährigen Tochter ihres zweiten Sohnes wurden Schilddrüsenbeschwerden nachgewiesen. Hinzu kommt die verlorene Heimat. „Auch über 30 Jahre nach dem Unglück vermissen die Leute ihr Zuhause immer noch“, sagt Filomenka. „Meine Enkelkinder kennen die Heimat der Familie nur aus Erzählungen. In ihrer Vorstellung blutet unsere Heimat.“ Heute leitet sie einen Verein für Umsiedler in Minsk.

Die beiden Zeitzeugen besuchen mit Vertreterinnen und Vertretern der initiierenden Heinrich-Böll-Stiftung Schulen in Schleswig-Holstein und schildern im Dialog mit den Schülern die dramatischen Auswirkungen. „Diese Erfahrungen in deutschen Schulen zu erzählen und ins Bewusstsein zu bringen ist wahnsinnig wichtig. Es ist eine Notwendigkeit, damit das niemals wieder passiert“, sagt Stadtpräsident Tovar, auch vor dem Hintergrund, dass die öffentliche Diskussion über die Probleme der Atomkraft in Russland nicht geduldet wird. Ganz im Gegenteil zur Ukraine. Dort wird nicht nur offen über das Thema gesprochen, die ehemaligen Liquidatoren bekommen zum Jahrestag Blumen geschenkt. (tbu)